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Südwestlich siedeln: Zwei Bücher über Kleinmachnow bei Berlin

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Die Gemeinde Kleinmachnow, im Südwesten direkt an das Berliner Stadtgebiet angrenzend, kam nach 1990 in die Schlagzeilen: Hier gab es die meisten Rückübertragungsansprüche auf Immobilien im gesamten Gebiet der – zu diesem Zeitpunkt bereits „ehemaligen“ – DDR. Grund dafür ist die Lage und die städtebauliche Struktur dieses Vorortes. Zwei neuere, aufeinander aufbauende Bücher erzählen jetzt die Besiedlungs- und Architekturgeschichte von Kleinmachnow – spannend auch für Nicht-Kleinmachnower.

Die Teilungswirkung der Berliner Mauer wurde von westlicher Seite als die Abtrennung der Halbstadt „Berlin (West)“ von Umland und Mitte wahrgenommen. Aber dass der weiße Fleck auf der Karte, das Gebiet von „WB“ (DDR-Jargon für die „selbständige politische Einheit Westberlin“), auch für DDR-Bewohner für erhebliche Umwege sorgen konnte, wird darüber gern vergessen. Nehmen wir Kleinmachnow, das hauptsächlich im 20. Jahrhundert (und dort wieder hauptsächlich in den dreißiger Jahren) entwickelt wurde: Dieser Villen- und Siedlervorort, der kein Ortszentrum hat, weil er immer schon auf Berlin ausgerichtet war, hätte bei der Bildung von Groß-Berlin 1920 eigentlich dem Berliner Stadtgebiet zugeschlagen werden müssen. Da das unterblieb, wurde Kleinmachnow nach der deutschen Teilung 1945 von seinem Nachbarn, dem Berliner Bezirk Zehlendorf, abgetrennt.

Die nächsten erreichbaren Zentren, Potsdam und erst recht die Mitte von Ost-Berlin, waren von hier aus nur mühsam zu erreichen. Das führte dazu, dass viele ursprüngliche Besitzer und Bewohner Kleinmachnow verlassen haben und andere neu hinzukamen. Da die Architekturstruktur in Kleinmachnow hauptsächlich aus frei stehenden Einfamilienhäusern aus der Zeit von vor 1945 bestand, wurde mit diesen Fluktuationsbewegungen der Grundstein für die Rückübertragungsansprüche ab der Wiedervereinigung 1990 gelegt.

Die Entstehungsgeschichte Kleinmachnows „von der Villenkolonie zur Bürgerhausssiedlung“ (so der Untertitel des ersten Bandes) beschreiben diese beiden Bücher, die eine gelungene Mischung aus Architekturgeschichte, kunstgeschichtlichem Inventar sowie Orts- und Sozialchronik darstellen. Die Aufteilung des Stoffes auf die beiden Bände erscheint allerdings nicht unbedingt zwingend. Im ersten Band wird die Vorgeschichte erzählt, dann die Villenkolonie von 1904-1914 behandelt – einschließlich eines Katalogkapitels mit 22 vertieften Gebäuden aus dieser Zeit –, und schließlich wird die für das Ortsbild so prägende Bürgerhaussiedlung 1927-1937 beschrieben. Der zweite Band vertieft sich in die zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, er beschreibt Gemeinschaftsbauten 1930-1939 und individuelle Wohnhäuser 1920-39 – daraus speist sich das umfangreiche Katalogkapitel mit 45 vertieften Häuser, darunter auch solche von Moderne-Pionieren wie Gropius, Henselmann, Eiermann und den Brüdern Luckhardt (siehe meine kleine Fotoreportage „Ein Sonntag in Kleinmachnow“. Ein eigenes Kapitel beleuchtet Biografien von Künstlern, die 1920-45 in Kleinmachnow lebten und arbeiteten. Bei aller Faktenfülle kann solch ein Werk wohl nie ganz vollständig sein: Leider nicht näher beschrieben ist eine bauliche Anlage in Kleinmachnow, die es sogar zu einem Eintrag in den Dehio-Band Brandenburg gebracht hat: die architektonisch auffällige Reichspost-Versuchsanlage am Hochwald nördlich der Hakeburg (1939-1943).

Heute ist Kleinmachnow ein beliebter Wohnstandort mit vielen zugezogenen Neubewohnern, obwohl es nicht an den Berliner Nahschnellverkehr angebunden ist. Die so genannte Stammbahn der S-Bahn wurde auf ihrem letzten Abschnitt 1980 stillgelegt; ein denkbarer Wiederaufbau kommt nicht voran. Noch utopischer erscheint heute, was um 1930 fast Realität geworden wäre: eine Verlängerung der Berliner U-Bahn über ihren heutigen Endpunkt Krumme Lanke hinaus via Mexikoplatz bis Kleinmachnow. Der Bauunternehmer Adolf Sommerfeld, der in Kleinmachnow maßgeblich baute, hatte dies geplant. Woher wir das heute wissen? Ko-Autorin Celina Kress hat es bei der Recherche zu ihrem Buch über Adolf Sommerfeld herausgefunden. Aber dies ist schon wieder eine andere Story.

Nicola Bröcker und Celina Kress: südwestlich siedeln. Kleinmachnow bei Berlin. Von der Villenkolonie zur Bürgerhaussiedlung. Lukas Verlag, Berlin, 2. Auflage 2006. ISBN-13: 978-393687230

Nicola Bröcker: Kleinmachnow bei Berlin. Wohnen zwischen Stadt und Land 1920-1945. Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2010. ISBN-13: 978-3786126294

 

 

Geschrieben von Benedikt Hotze

29. Juli 2012 um 15:49

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