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Rock-Opa empfiehlt was Neues: 10 Alben der letzten 20 Jahre

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Mit 48 Jahren bin ich popmusikalisch schon fast ein Opa. Lange Zeit bin ich denn auch beim Musikgeschmack meiner Jugend stehen geblieben – bei der klassischen Rockmusik der siebziger Jahre. Nun empfehle ich zehn Alben der letzten zwanzig Jahre, die mir als „neuer“ aufgefallen sind.

 

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Primal Scream
Screamadelica (1991)

Mit dem dritten Album kam der Durchbruch. “Screamadelica” schlug die Brücke zwischen Vergangenem und Zukünftigem, vereinte Sixties-Rock mit Rave und bereitete selbst den coolsten Typen spitzbübische Freude. An den Reglern waren u.a. DJ Andrew Weatherall und The Orb’s Alex Paterson um die mal treibende, mal driftende Qualität der Platte besorgt, verliehen dem House Tiefe und holten den Gospel mit Dub runter. (Nina Wyss, 2010)

Schöner kann man es nicht ausdrücken. Dieses essentielle Album der Neunziger gilt auch als das „drogigste“ der Epoche. Doch wenn irgendwelche Drogen solche spannenden Stones-Hommagen wie „Loaded“ hervorbringen oder gar den suggestiven, zehnminütigen Ohrwurm „Come Together“ – den Höhepunkt der Platte –, dann können sie gar nicht „böse“ sein. Zum zwanzigjährigen Jubiläum  spielte die Band 2011 das Album nochmals live ein und vertrieb das dann als Konzert-DVD.

 

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Massive Attack
Mezzanine (1998)

Diese dritte Platte der 1987 gegründeten Trip-Hop-Combo Massive Attack halte ich für ihre beste. Düstere Sounds, verzerrte E-Gitarren und die unglaubliche Spannung in dem Album-Opener „Angel“ – das muss man gehört haben. Der Musikexpress beschrieb Mezzanine als „eine Platte von verstörender Intensität“.

Trip-Hop ist ein elektronischer Musikstil, für den langsame, dem Hip-Hop ähnliche Rhythmen charakteristisch sind. Die Stücke enthalten oft Samples oder Gesang (Wikipedia).

Rap-artigen Sprechgesang hat man hier nicht zu erwarten, dafür aber – typisch für Massive Attack – den Auftritt mehrerer Gastsänger/innen. – Das erwähnte „Angel“ hörte ich übrigens zum ersten Mal als Hintergrundbeschallung in einem Media-Markt – und war auf der Stelle elektrisiert. Der erste Kontakt mit dieser Band fand also gleich auf höchstem Niveau statt ;-)

 

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Portishead
Dummy (1994)

Düstere Klangbilder erinnern an alte Soul- und Filmmusik, dazu entmenschlichtes, hohes Piepen und eine Beth Gibbons, die schmachtend einen Gefühlsausbruch nach dem anderen erleidet. Dazu das stete Pulsieren von Bass und Beats. Dieses langsame Stoßen und Knarzen ist ein Stilmittel, das seinen Ursprung in der Szene von Bristol hat. (Douglas Wolk, Amazon.de)

Portishead ist die zweite Trip-Hop-Band, die ich hier vorstelle. Zwischen dem ersten Album Dummy (1994) und dem zweiten Portishead (1997) kann ich mich nur schwer entscheiden und ziehe den Erstling knapp vor. Die dritte Platte Third, auf die man elf Jahre warten musste, empfinde ich als sperrig; sie hat bei mir noch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. – Man könnte übrigens auch noch das Live-Album Roseland NYC von 2000 wählen, das die Höhepunkte der ersten beiden Alben kongenial präsentiert.

Low-Fi-Effekte wie das simulierte Knistern einer Vinyl-Schallplatte oder Mickey-Mouse-Gadgets wie ein quiekendes Scratching gehört bei Portishead genauso dazu wie gesampelte Klangcollagen, verzischelte Hi-Hats und verschleppte Beats. Alles Absicht. Über allem das zerbrechliche Gejaule der Sängerin Beth Gibbons. Großartig und schräg – und dennoch absolut durchhörbar.

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Kruder & Dorfmeister
The K&D Sessions (1998)

Ein Remix (engl. Neuabmischung) ist eine neue Version eines Musiktitels auf der Basis des Mehrspuroriginals. Spätestens seit Ende der 1980er Jahre mit der Entwicklung der Clubkultur bildete sich auch eine Remixkultur heraus. Der Remix war nun nicht mehr nur ein Stück Gebrauchsmusik, sondern ist zu einer eigenen Kunstform geworden. In der elektronischen Musik und im Hip-Hop spielt der Remix eine sehr bedeutende Rolle. Auch die Neuabmischung ganzer Alben oder die Veröffentlichung ganzer Remixkollektionen als Werkschauen (wie z. B. Kruder & Dorfmeister – The K & D Sessions von 1998) sind gebräuchlich. (Wikipedia)

 

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St. Germain
Boulevard (1995)

Remix-Musik des Franzosen Ludovic Navarre, die als Mischung von House und Nu-Jazz beschrieben wird. Es gibt zwei Alben, Boulevard (1995) und das bislang letzte, Tourist (2000). Ein 1999 erschienener Sampler früherer Arbeiten From Detroit to St. Germain gefällt mir weniger – zu techno-lastig. Die beiden klassischen Alben hingegen bringen wunderbar groovige, weitgehend instrumentale Jazz-Pop-Klangflächen zwischen Chill-Out und Dancefloor. Wie beim ersten Titel „Deep In It“ zum Piano-Intro nach zwei Minuten ganz nebenbei-selbstverständlich der Techno-Beat zugeschaltet wird, finde ich immer wieder sensationell… Wem diese Musik keinen wippenden Fuß verursacht, hat warscheinlich auch einen Eisklumpen dort, wo bei Anderen das Herz sitzt…

 

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E.S.T
Leucocythe (2008)

So geht das: Drei fantastische Musiker (das Esbjörn Svensson Trio mit Esbjörn Svensson am Klavier, Dan Berglund am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug) betreten Anfang 2007, mitten im australischen Sommer, ein Studio in Sydney und spielen zwei Tage lang die Festplatte voll. Anschließend nehmen sie das Ergebnis und kneten es noch ein wenig, verfremden es mit Geräuschen aus Transistorradios und elektronischen Schaltkreisen. So geht das: Eines der besten Alben des Jahres 2008 einspielen. Manchmal mehr Drum’n’Bass, immer ein bißchen melancholisch, oft auf eine angenehme Weise frickelig und ganz auf der Höhe der Zeit. Diese Musik wird uns in Zukunft fehlen. (Ingo Steinhaus)

Dies ist handgemachte Jazzmusik, und dennoch nichts Traditionelles: Über das Esbjörn-Svensson-Trio hatte ich schon einmal eine Notiz geschrieben. Durch den Tod des Bandleaders bei einem Tauchunfall wurde diese Combo auf ihrem Höhenflug im Jahr 2008 abrupt gestoppt. Angefangen als klassisches Jazz-Trio mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, entwickelte es sich vom Sound her immer mehr in Richtung Rockmusik. Das lag vor allem daran, dass der Bassist sein Instrument verzerrt über einen Gitarrenverstärker spielte: Auf einmal hört man im Jazzkonzert Black-Sabbath-Riffs oder Jimi Hendrix‘ Machine Gun…

Generell bevorzuge ich die neueren Alben, weil sie diese Effekte ausgeprägter bringen. Als sehr guter Überblick mag das Doppelalbum „Live in Hamburg“ (2007) dienen. Hier habe ich mich für Leucocythe (2008) entschieden, ein Album aus improvisierter Musik, das die genannten Sounds zum Programm macht.

 

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Godspeed You! Black Emperor
Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven (2000)

To get a handle on post-rock, start by thinking of a rock band that doesn’t have a singer. Now add in the fact that while they may well play standard rock-band instruments, they will certainly not be indulging in any „rawk“ clichés. Instead, their music is likely to be influenced by the drones of the Velvet Underground, the insistent but not rocking rhythm of krautrock, the emphasis on athmospheres of Public Image Ltd, the emotional pull of soundtrack music and the improvisational ethos of jazz. Then allow them to bring a singer after all, if they want, but make it clear to him that his vocals are no more important than any other element. Now you have post-rock. (Mark Edwards, Times Online, 1. Februar 2009)

Die Definition des Genres Post-Rock muss ich im Original belassen, so treffend wie sie ist.  Ich hatte schon immer Freude an repetitiver Musik, also Musik, in der lange Zeit nahezu Dasselbe gespielt wird mit allenfalls geringer Variation. Als Geburtsstunde des Post-Rock wird das Erscheinen des Talk-Talk-Albums „The Colour of Spring“ von 1986 angesehen. Die Musiker hatten mit ihrem 80er-Jahre-Pop so viel Geld verdient, dass sie drei Alben lang machen konnten, was sie wollten: Post-Rock.

Auf das kanadische Kollektiv Godspeed You! Black Emperor bin ich durch eine Rezension in einer Tageszeitung gestoßen. Das Doppelalbm „Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven“ ist für mich am Typischsten für die Musik der Godspeeds, deren breite Klangcollagen von Geräuschen und Stimmen begleitet werden. Düster und gemein klingt das selbst noch dort, wo Bläser jubilieren. Ein bisschen Zeit sollte man sich für diese Musik aber nehmen.

 

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Sigur Rós
Agaetis Byrjun (1999)

Ergriffenheit macht sich breit, wenn die tieftraurigen Vocals von Sänger Jon Thor Birgissons in schwindelerregende Höhen klettern. Liebevoll gestreichelte Gitarrenklänge, schwermütige Streicher, zärtlich gedrückte Tasten und weiche Jazzbesen fließen ineinander, umschwebt von hymnischen Melodien jenseits aller Schemata von Pop und Rock. Musik wie eine Wolke. (Oliver Ding)

Die isländische Post-Rock-Band Sigur Rós hat schon alles Mögliche produziert – auch Alben, die als Fahrstuhl-Untermalungsmusik dienen könnten. Agaetis Byrjun hingegen nimmt einen sofort gefangen. Eine glockenhelle Falsettstimme schwebt über düsteren Klangteppichen, die sich auf rückkoppelnden E-Gitarren aufschichten. Schon das zweite Stück – nach dem kurzen Intro – ist eine Zehn-Minuten-Hymne, die man nie wieder vergisst.

 

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Nirvana
MTV Unplugged in New York (1993)

Nirvana wurde 1987 gegründet, ihr epochales Erfolgsalbum Nevermind, „eines der wichtigsten Alben der Musikgeschichte“ (stern.de), stammt von 1991, und nach dem Tod des Sängers und Gitarristen Kurt Cobain 1994 löste sich die Band auf. Nirvana vertreten hier den Grunge, die amerikanische Spielart des Independent Rock, der irgendwie eine Kreuzung aus Heavy Metal und Punk ist. Obwohl die Protagonisten des Grunge den Gigantomanien der Musikindustrie fernbleiben wollten, war Nirvana Anfang der neunziger Jahre unter Jugendlichen weltweit unglaublich populär. Der rebellische Kurt Cobain wurde von Vielen als Erlöser verehrt.

Klar wäre „Nevermind“ hier als die typischere Nirvana-Platte zu nennen (auch sie gibt es inzwischen in einer Jubiläums-Edition mit Proben-, Session- und Live-Raritäten). Ich habe aber die MTV-Unplugged-Aufnahme ausgewählt, weil ich dieses Konzert, obwohl es in einer Reihe eines kommerziellen Musikfernsehsenders entstand, für musikalisch unglaublich dicht halte. Hier sind Nirvana-Songs ebenso vertreten wie Coverversionen, zum Beispiel David Bowies „The Man Who Sold The World“. Geradezu unfassbar leidend singt Kurt Cobain den letzten Titel, „Where Did You Sleep Last Night“ von Leadbelly. Im auf die Aufnahme folgenden Jahr beging Cobain Selbstmord.

 

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My Bloody Valentine
Loveless (1991)

Why My Bloody Valentine’s Loveless is the greatest rock album of our greatness-averse age:

What’s incredible about Loveless is that no matter what level you play it at, it seems louder than it actually is, and yet also not nearly loud enough. A lot of that has to do with how Shields and fellow singer-guitarist Bilinda Butcher deliver their vocals in soft murmurs that undermine the aggression of the music. It is ugly and pretty, sensual and twee, metallic and billowy, all at the same time, with no beginning and no end. Which perhaps is why My Bloody Valentine hasn’t dared follow it up yet: Loveless still keeps ringing in the ears of anyone who’s ever played it. (Steven Hyden, Grantland, 2012)

Zugegeben: Diese Platte ist ein wenig anstrengend. Das war sie schon damals für die Plattenfirma: Die Produktion hat jahrelang gedauert, in angeblich 19 Studios, und dann hat das Album nicht mal seine Kosten eingespielt. Dennoch gilt es als ungeheuer einflussreich. Hier trifft der White Noise der verzerrten Gitarren aus der Independent-Rock-Szene auf gemurmelte Popsongs. Das war damals extrem stilbildend. Das Nachfolgealbum ist übrigens erst soeben im Jahr 2013 erschienen. In der Zwischenzeit hat MBV-Frontmann Kevin Shields unter anderem die Filmmusik zu „Lost in Translation“ (2003) eingespielt.

Geschrieben von Benedikt Hotze

13. Februar 2013 um 23:42

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1 Kommentar zu “Rock-Opa empfiehlt was Neues: 10 Alben der letzten 20 Jahre”

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  1. FH

    11. Jul 13 um 18:59

    „Godspeed You! Black Emperor – Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven (2000)“ habe ich nach der Empfehlung hier erworben und höre es seit zwei Tagen in „heavy rotation“… tolles Stück Musik.
    Ich bin mit der 2012er-Platte auf den Geschmack gekommen und habe auch vorher schon fast alles von Mogwai gehört. Bin also kein wirklicher Post-Rock-Neuling, aber das o.g. Album war noch nicht auf meinem Radar, danke!

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