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ICC Berlin: Raumschiff im Aus

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Das Internationale Congress Centrum (ICC) am Berliner Funkturm ist das wohl bekannteste Raumschiff der Space-Age-Architektur der siebziger Jahre. Als Kongresszentrum bis heute hochgelobt und preisgekrönt, wird es dennoch im nächsten Jahr geschlossen – und zwar für immer. Folge einer konsequent kopflosen Politik.

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Das ICC im Juli 2013. Foto: -tze

Als im Jahr 2002 der internationale UIA-Architektenkongress im Berliner ICC stattfand, glaubten viele Architekten aus Asien, dieses futuristische Bauwerk (Eröffnung: 1979) sei eigens für ihren Kongress errichtet worden. Ob diese Anekdote wahr oder nur gut erfunden ist, ändert nichts daran, dass das ICC bis heute sehr gut als Kongresszentrum funktioniert. Der Betreiber, die Berliner Messegesellschaft, vermeldet dies denn auch stolz auf Werbetafeln über dem Eingang des ICC, wo es den Titel „Leading Conference & Convention Centre“ zur Schau trägt. Doch damit ist die Messegesellschaft zutiefst unehrlich, denn sie will das ICC schon lange loswerden. Im nächsten Jahr wird sie dieses Ziel erreicht haben: Sobald der Ersatzbau City-Cube Berlin am Standort der abgerissenen Deutschlandhalle fertig ist, wird die Messe das Kongressgeschäft dorthin umziehen lassen, das ICC abschließen und den Schlüssel dem Berliner Senat vor die Füße werfen. Auf Werbetafeln im Flughafen Tegel schürt sie schon die Vorfreude auf diesen Neubau, den die ICC-Architektin Ursulina Schüler-Witte hingegen für „Posemuckel“ hält. In einem lesenswerten taz-Interview macht sie auf einige Hintergründe zum ICC aufmerksam:

Bis zum zwanzigjährigen Bestehen des Hauses, 1999, wurde das Haus von der Messe außerordentlich geschätzt. Aber seit dem Wechsel der Geschäftsleitung im gleichen Jahr ist die Sichtweise auf das Haus eine völlig andere. Die Messegesellschaft ist gewinnorientiert. Als Schreckensbild hat die Messe vor Augen, dass sie eines Tages nicht mehr die Zuschüsse des Landes Berlin bekommt und sie dann das ICC selbst bezuschussen muss. Der 2014 eröffnende City Cube als Kongressalternative ist nichts als eine provinzielle Messehalle.

Das ist starker Tobak: Erst stattet der Bauherr, der Berliner Senat, das ICC mit großzügigen Räumen sowie feinster Kongress- und Bühnentechnik aus, lässt dann aber die landeseigene Messegesellschaft so lange über die dadurch angeblich oder tatsächlich entstehenden Mehrkosten jammern, bis er ihr den City Cube baut.

Und jetzt glaubt der Senat ernsthaft, dass er für das sanierungsbedürftige ICC einen privaten Investor finden könnte, der das Kongressgeschäft im ICC übernimmt? Auch Investoren können rechnen, die meisten sogar besser als Politiker, und so ist es kein Wunder, dass die Interessenten derzeit scharenweise ausbleiben. Wer wäre auch so dumm, ein Kongressgeschäft betreiben zu wollen, wenn nebenan ein alteingesessener Player mit Mitteln der öffentlichen Hand bereits ein Kongressgeschäft betreibt?

Als Konsequenz aus solcher Erkenntnis hat der Senat soeben die eigentlich im Koalitionsvertrag festgeschriebenen 200 Millionen Euro für die ICC-Sanierung gesperrt.

Die Situation ist völlig verfahren: Die Messegesellschaft wird nie wieder ins ICC zurückgehen, ein anderer Betreiber ist nicht in Sicht, eine Kongressnutzung im ICC wäre künftig wegen der Konkurrenz des City Cube wirtschaftlich unsinnig. Und ohne Sanierung wären sowieso keine Veranstaltungen gleich welcher Art mehr möglich: Die Betriebsgenehmigung läuft Anfang 2014 aus.

Vor diesem Hintergrund hat das Berliner Büro von KSP Jürgen Engel Architekten den Vorschlag gemacht, das ICC zur Landeszentralbibliothek umzunutzen, die eigentlich auf dem Tempelhofer Feld gebaut werden soll. Der Vorschlag ist insofern charmant, als dass damit das ICC zumindest in seiner äußeren Erscheinung erhalten bleiben könnte. Die Kosten dafür haben die Architekten etwa in der Höhe ermittelt, die auch für den Bau der Bibliothek plus die Sanierung des ICC bereitstehenstanden. Ursulina Schüler-Witte hält davon jedoch nichts:

Das Wertvolle des Hauses ist ja gerade seine Innenausstattung. Wir haben da zum Beispiel die zweitgrößte Bühne Europas drin. Die beiden großen Säle mit 5.000 und 2.500 Plätzen können zusammengeschaltet werden. 50 Prozent sollten ursprünglich über das Kongressgeschäft hinausgehen – etwa mit Bühnen-, Show- oder Kammermusikveranstaltungen für die Berliner. Beim Bau musste das alles berücksichtigt werden. Das hat sich auch auf die Baukosten ausgewirkt. Aber es gibt eine ungeheuere Flexibilität im Haus. Eine Bibliothek in einem entkernten Haus ist jedenfalls völlig idiotisch.

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Vorschlag von KSP Jürgen Engel Architekten: Umnutzung des ICC zur Landeszentralbibliothek

Ob man sich dem anschließt oder nicht: Die Bibliothekslösung wird so oder so nicht kommen. Der Grund dafür heißt Klaus Wowereit. Die Bibliothek auf dem Tempelhofer Feld ist für den durch die BER-Affäre politisch schwer angeschlagene Regierenden Bürgermeister  ein Prestigeprojekt, das er vor seinem Rückzug aus der Politik um jeden Preis durchsetzen will. Nach dem City-Cube ist die Bibliothek also bereits das zweite Bauprojekt des Landes Berlin, das eine Nicht-Nutzung des ICC ursächlich herbeiführt.

Bleibt die Frage nach dem Denkmalschutz. Das ICC steht aus unerfindlichen Gründen nicht unter Schutz. Ob eine Unterschutzstellung zur Erhaltung beitragen würde, ist aber keineswegs sicher: Die Deutschlandhalle war ebenfalls denkmalgeschützt und wurde trotzdem abgerissen. Für den „City-Cube“. Irgendwo schließt sich immer ein Kreis.

Die Baunetzwoche#280 beschäftigt sich mit dem ICC und der Frage der Unterschutzstellung.

Geschrieben von Benedikt Hotze

16. Juli 2013 um 18:47

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