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Sprache: der Unterschied zwischen anscheinend und scheinbar

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Die Adverbien „anscheinend“ und „scheinbar“ werden häufig verwechselt. Nicht Wenige glauben sogar, sie seien synonym. Doch richtig ist: Sie haben eine fast gegenteilige Bedeutung.

[Hoeneß] hatte im Januar wegen nicht versteuerter Erlöse auf einem Konto in der Schweiz Selbstanzeige erstattet. Weil diese scheinbar nicht vollständig war, leitete kurz darauf die Staatsanwaltschaft […] Ermittlungen gegen Hoeneß ein. (sueddeutsche.de)

Das steht heute in der Zeitung (Hervorhebung von mir) und hat mich gestört. Denn der SZ-Autor wollte nach sinnvollem Ermessen sagen, dass die Selbstanzeige allem Anschein nach unvollständig war (und deshalb Ermittlungen eingeleitet wurden). Tatsächlich sagte er aber – anscheinend (sic!) unabsichtlich –, dass die Selbstanzeige in Wirklichkeit vollständig war, aber den (falschen) Schein erweckt habe, sie sei unvollständig.

Spitzfindig? Ich finde nicht. Denn die kleine Nuance im Unterschied der beiden Wörter führt im Ergebnis zu völlig anderem Sinn.

„Anscheinend“ bedeutet, dass der Sprecher die mitgeteilte Sache für zutreffend hält, weil aller Anschein (alles, was man dazu in Erfahrung bringen kann) nach vernünftiger Bewertung dafür spricht. Beweisen kann er das allerdings nicht, sonst hätte er auf die Einschränkung „anscheinend“ verzichtet und die Tatsache uneingeschränkt behauptet.

„Scheinbar“ bedeutet, dass der Sprecher die mitgeteilte Sache für unzutreffend hält, obwohl es (auf den ersten Blick) so aussieht, als sei sie zutreffend. Das Wort hat einen leicht anklagenden Charakter, weil damit eine bewusste Täuschungshandlung unterstellt wird: „Scheinbar vermögend, war er in Wirklichkeit bankrott.“

 

 

 

Geschrieben von Benedikt Hotze

24. August 2013 um 22:27

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