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Trebbin: Bruno Taut und Friedensstadt

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Siedlung Freie Scholle, Schloss Schönhagen und Friedensstadt: Ein januartrüber Sonntagsausflug führt nach Trebbin südlich von Berlin, immerhin die Partnerstadt von Weil am Rhein mit seinem internationalen Architekturzoo. In Trebbin gibt es ein Angerdorf von Bruno Taut, ein unzugängliches neobarockes Schlösschen und ein sozialreformatorisches christliches Siedlungswerk der 1920er Jahre, das von der Sowjetarmee heftig überformt wurde.

Briefkasten am Anger: Bruno Taut errichtete die Freie Scholle 1924-26

Bei Bruno Tauts frühen Siedlungsprojekten wurde die Selbstversorgung der Bewohner mitgedacht. Ob in der Gartenstadt Falkenhöh, der Magdeburger „Reform“-Siedlung oder eben der „Freien Scholle“ im brandenburgischen Trebbin: Immer waren den Reihen- oder Doppelhäusern ein Stall für die Kleinviehhaltung zugeordnet.

Außerhalb der Ortslage gelegen und nur über die Sackgasse Höpfnerstraße von der Bundesstraße 247 aus erreichbar, erscheint die Freie Scholle als Interpretation des märkischen Angerdorfes  — allerdings mit Ausnahme eines Briefkastens ohne jegliche öffentliche Infrastruktur.

Laut Dehio in den Jahren 2001/02 saniert, haben die neun Doppelhäuser ihre ursprüngliche Farbigkeit wiederbekommen. Auffällig sind die zum Teil asymmetrischen Dachschrägen, die durch unterschiedliche Traufhöhen verursacht werden — ein modernes Motiv bei den ansonsten traditionell anmutenden Satteldachhäuschen.

Junkerland in Bauernhand: Das Schicksal der Guts- und Herrenhäuser auf dem Gebiet der vormaligen DDR ist inzwischen längst Gegenstand breiter heimatgeschichtlicher Forschung. Das Muster ist meist identisch: 1945 enteignet, dienten die Schlösser zunächst als Notunterkünfte für Flüchtlinge und wurden dann entweder demonstrativ abgerissen oder als Sozialeinrichtungen des DDR-Gemeinwesens genutzt. Diese Nutzungen endeten in der Regel nach 1990, es folgte entweder Leerstand und Verfall oder eine Rückübertragung an Alteigentümer. Oder beides.

Das um 1910 von der Verlegerfamilie Emil Mosse nach einem Entwurf des Berliner Architekten Ernst Lessing errichtete Herrenhaus Schönhagen wurde vermutlich nach 1933 von den Nazis enteignet und jedenfalls nach 1945 zunächst als Kindergarten und später als Bezirksschule für die Weiterbildung von Schulfunktionären genutzt. Diese Angaben entnehmen wir dem Buch „Die Guts- und Herrenhäuser im Landkreis Teltow-Fläming“ von Carsten und Hiltrud Preuß, Berlin 2011.

Und dort kommt es noch doller: Ab 1990 diente es der Brandenburger Landesregierung als Weiterbildungsstätte des Sozialpädagogischen Fortbildungswerkes. 1994 wurde es durch die Landesregierung aufwändig saniert und bis 1997 als Schulungsobjekt genutzt. „Nach der Rückübertragung an die Erben der Familie Mosse steht das Haus nunmehr zum Verkauf“, heißt es weiter in dem Buch von 2011.

Ohne Navi hätten wir das Haus kaum gefunden, es ist lediglich über zwei unbefestigte Matschwege zu erreichen, die allerdings beide an ihren Eingang mit einem neobarocken Portikus gekennzeichnet sind. Das Gebäude ist weiträumig abgeriegelt, am Törchen steht etwas von Immobilien und Golfplätzen. Und die unmissverständliche Botschaft, dass das Betreten von Privateigentum verboten sei.

Ohne die Hintergründe zu kennen (und erst recht ohne die Legitimität der Rücküberragung an ehemalige jüdische Eigentümer in Zweifel ziehen zu wollen): Unserem Gerechtigkeitsempfinden entspricht es eher nicht, dass die öffentliche Hand eine für eine öffentliche Nutzung vorgesehene Immobilie aufwändig saniert und ein Privater nur drei Jahre später den Nutzen daraus zieht. Zumal er es ja offensichtlich nicht mal nutzt.

Ruinenkulissen in der Ex-Sowjetkaserne Glau

„Eine der außergwöhnlichsten städtebaulichen Anlagen Brandenburgs“, sagt das Landesdenkmalamt: Schon bei der Anfahrt in die „Friedensstadt Weißenberg“, gelegen in den Trebbiner Ortsteilen Glau und Blankensee, kommt man an einer Doppelbogenhalle in Holzbauweise vorbei, die man auch für eine landwirtschaftliche Produktionshalle halten könnte. Tatsächlich ist es die Johannische Kirche von 1928/29, die nach den Ideen des Religionsgründers der Freikirche Joseph Weißenberg errichtet wurde. Zwei Kilometer weiter erreichen wir die nach diesem Manne benannte „Friedensstadt Weißenberg“, ein 1920 gegründetes religiöses Siedlungswerk. Zwischen 1920 und der Enteignung durch die Nazis 1935  entstand hier „die größte  wirtschaftlich autarke Privatsiedlung Deutschlands“ (Dehio Brandenburg 2012). Die meisten Bauten ab 1920 sind architektonisch eher traditionell geprägt.

Vor allem ist das Gelände aber durch die Nutzung als Sowjetkaserne bis 1994 überformt worden. Es gibt sehr, sehr scheußliche, im Chi-Chi-Stil der 90er Jahre sanierte Plattenbauten und einen authentischen leerstehenden Plattenbau. Es gibt aber auch ein vorbildliches Informationssystem, das durch Tafeln jeden Bau vor Ort erklärt.

Architektonisch herausragend ist die ehemalige Schule, 1933/34 von H. Brandt in den typischen Formen der Neuen Sachlichkeit errichtet. Offensichtlich in Teilen wieder in Nutzung, enttäuschen die viel zu breiten neuen Fensterprofile. Das könnten mit Denkmalpflege vertraute Architekten besser machen.

Fotos: iPhone6, unbearbeitet

Geschrieben von Benedikt Hotze

28. Januar 2018 um 23:42

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