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Buchrezension: „Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet“

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Der Dortmunder Hochschullehrer Wolfgang Sonne forscht unermüdlich über die Schönheit im Städtebau. Kerstin Wittmann und er haben jetzt die Ergebnisse eines Forschungsprojekts in einem kongenial bebilderten Buch herausgegeben, das sich mit dem „Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet“ (Untertitel) befasst.

Fangen wir mit einer Betrachtung des Titelbilds an, weil es eine durchaus suggestive Wirkung auf den Leser und Buchkäufer ausübt: Es zeigt eine urbane Straßeneinmündung in Duisburg-Marxloh, baulich gefasst durch eine drei- bis fünfgeschossige geschlossene Blockrandbebauung. Links im Bild ein an der Ecke abgeschrägter Flachdachbau mit liegenden Fensterformaten in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre. Das Gebäude rechts im Bild, ein Geschoss höher als der Rest, bildet ebenfalls eine städtebauliche Betonung der Ecksituation aus. Hier sehen wir quadratische Lochfenster und ein (sehr) flachgeneigtes Walmdach, typische Merkmale der 50er/60er Jahre. Beide Eckbauten haben vollverglaste Ladenfronten im Erdgeschoss.

Eine solche städtebauliche Szenerie ist prototypisch für die Innenstädte und die gründerzeitlichen Stadterweiterungsgebiete an Rhein und Ruhr. Es handelt sich um Wiederaufbauten nach den gerade hier so verheerenden Zerstörungen des 2. Weltkriegs, die so selbstverständlich daherkommen, als hätten sie schon vor dem Krieg bestanden.

Wolfgang Sonne nennt dieses Leitbild „konventionellen Städtebau“ – in Abgrenzung zum dezidiert „traditionalistischen Städtebau“ einerseits und dem „fortschrittlichen Städtebau“ der Moderne mit seiner bewusst antiurbanen Haltung gegenüber der herkömmlichen Stadt.

Laut Sonne sind die konventionell wiederaufgebauten Stadtviertel heute die „erfolgreichsten und beliebtesten“ – womit er nicht ganz Unrecht hat. Die Merkmale dieses urbanen Leitbilds sind Dichte, Blockrand und Nutzungsmischung, also das Gegenteil von Siedlung, Zeile und Funktionstrennung – was „moderne“ Stadtplaner und Architekten damals in ihrer notorischen Verachtung gegenüber der „Korridorstadt“ des 19. Jahrhunderts propagiert hatten.

Dem Buch verdanken wir die Erkenntnis, dass diese Art des Wiederaufbaus im Ruhrgebiet weder zufällig noch durch denkfaule Übernahme bestehender Muster entstand, sondern vielmehr bewusst so geplant wurde. Schlüsselfigur dabei ist der Architekt Philipp Rappaport, der von den Nazis einst geschasste und 1945 wieder eingesetzte Direktor des Siedlungsverbands Ruhrkohlenbezirk, jenem 1920 gegründeten überkommunalen Zweckverband, der gesetzliche Planungsaufgaben wahrnahm.

Rappaport war ein unideologischer Pragmatiker, der schon vor 1933 rational abwägend die städtebaulichen und funktionalen Vorteile einer konventionellen Blockrandbebauung gegenüber der „modernen“ Zeilenbauweise dargelegt hatte. Diese Überzeugungen konnte er beim Wiederaufbau umsetzen. 

Sonne kriegt sogar die Volte plausibel hin, die vermeintlich progressive „gegliederte und aufgelockerte Stadt“ als Desiderat der Nazis zu beschreiben, die nach dem Krieg als „neu und demokratisch verkauft“ wurde, während die dichte, nutzungsgemischte, bürgerlich-selbstbestimmte Stadttradition den Nazis ein Gräuel war. Insofern lässt sich der konventionelle Wiederaufbau im Ruhrgebiet als Akt der Entnazifizierung lesen. Sage keiner, das Fach Städtebaugeschichte sei nicht spannend…

Verlagsinfo:

Städtebau der Normalität

Geschrieben von Benedikt Hotze

5. August 2018 um 22:08

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