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Rüdersdorf: Die Kathedrale des Kalks

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Rüdersdorf bei Berlin (so der offizielle Ortsname) besteht hauptsächlich aus einem 4 km langen Tagebauloch, das man auch als „Negativabdruck von Berlin“ bezeichnet. Denn dort wurde und wird Kalkstein abgebaut, der als Rohstoff für die Zementproduktion dient. Zement wird für Mörtel und Beton benötigt; die Zement-Produktion in Rüdersdorf wuchs in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts um 1000%. Eine eindrucksvolle Schachtofenbatterie aus den 1870er Jahren ist heute die Attraktion des dortigen Museumsparks. Und eine kleine Eisenbahnbrücke aus DDR-Zeiten mein heimlicher Favorit. Ein Sonntags-Reisebericht

Auf Rüdersdorf aufmerksam wurde ich 1991 durch eine Meldung in der FAZ mit Foto eines Kanalportals, das an die französische Revolutionsarchitektur eines Ledoux oder Boullée erinnerte.

Auf der Suche nach diesem bemerkenswerten Stück Architektur fand ich auf einem eigentlich unzugänglichen Betriebsgelände per Zufall die Schachtofenbatterie von 1871-78.

Dort wurde die schon seit dem Mittelalter vor Ort betriebene Zementproduktion in einen industriellen Maßstab überführt. Das Objekt war seit 1967 aus der Nutzung gefallen und wurde 1991 in einer wildromantischen Weise überwuchert und verfallen vorgefunden. Ich habe damals Farbdias gemacht, die ich hier auf die Schnelle nicht zeigen kann.

Jedenfalls mündete mein damaliger Besuch in Rüdersdorf in einen Bericht in der Bauwelt 14/1o94, der hauptsächlich damit zu tun hatte, dass junge West-Architekten das Vorgehen der örtlichen Akteure kritisierten. Inzwischen war nämlich ein Verein gegründet worden, der die industriegeschichtlichen Denkmäler erhalten und präsentieren wollte. Das Ergebnis ist das heutige Angebot des genannten Museumsparks. Zu den technischen und geschichtlichen Hintergründen empfehle ich diesen Aufsatz von Klaus Taubert, der allerdings nicht auf die damaligen Konflikte eingeht.

Neben dem oben schon gezeigten Bülow-Portal gibt es dort noch das etwas weniger emblematische Heinitz-Portal, ebenfalls im Sinne der Revolutionsarchitektur gezeichnet.

Ein drittes klassizistisches Portal, das „Reden-Portal“ existiert wohl noch, ist aber planmäßig „zum Schutz“ verschüttet worden, als DDR-Geheimdienste einen atombombensichern Bunker in den 1980er Jahren rückgebaut haben, um die dafür genutzten Stollen dem Tagebau zuzuführen.

Nun noch einmal zur Schachtofenbatterie, der „Kathedrale des Kalks“.

Im Inneren erschließt sich die Typologie aus Hauptschiff und Seitenschiffen, deswegen die Kathedralen-Analogie.

Die Treppe zur „Krypta“ eröffnet diese Bilder:

Es gibt noch unzählige sehenswürdige Bauten dort wie Rumford-Öfen oder einen Schinkel-Uhrturm, die wir heute aber nicht fotografiert haben.

Das Interesse möchte ich aber noch auf eine Eisenbahnbrücke lenken, die an der B1 hinter Tasdorf in Richtung Müncheberg zu finden ist. Die Brücke steht ebenfalls im Zusammenhang mit der Rüdersdorfer Kalk-Produktion, bildet sie doch die Verbindung zwischen dem Tagebau und dem neu errichteten Werk, das die Schachtofenbatterie ersetzen sollte.

Die Brücke fiel mir jahrelang beim Vorbeifahren auf, weil sie diagonal über die Straße führt und daraus entwurfliches Kapital schlägt. Sie steht unter Denkmalschutz.

Geschrieben von Benedikt Hotze

5. April 2021 um 00:17

Abgelegt in Architektur,Regionales

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