{"id":1326,"date":"2012-08-09T16:22:04","date_gmt":"2012-08-09T14:22:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=1326"},"modified":"2012-09-13T21:58:59","modified_gmt":"2012-09-13T19:58:59","slug":"selbstandige-und-hartz-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=1326","title":{"rendered":"Selbst\u00e4ndige und Hartz IV"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Piratenvorstand Johannes Ponader ist am 4. Juli 2012 in der FAZ <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/ein-pirat-zieht-sich-zurueck-ich-gehe-mein-ruecktritt-vom-amt-11809930.html\" target=\"_blank\">an die \u00d6ffentlichkeit gegangen<\/a> und hat entw\u00fcrdigende Methoden der Arbeitsagenturen gegen\u00fcber Hartz IV-Empf\u00e4ngern angeprangert. Der Mann ist freiberuflich <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/vorstoss-von-johannes-ponader-piraten-partei-der-hartz-iv-opfer-1.1404374\" target=\"_blank\">als Regisseur, Schauspieler und Theatertherapeut<\/a> t\u00e4tig und hat in der Vergangenheit selbst streckenweise Hartz IV bezogen. Daher wirft man ihm vor, er lebe nach der Devise: \u201eIch arbeite nur, wenn&#8217;s Spa\u00df macht\u201c \u2013 so die <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/johannes-ponader\/piraten-geschaeftsfuehrer-arbeitsamts-chef-25020336.bild.html\" target=\"_blank\">Bild-Zeitung am 6. 7. 2012<\/a>. Impliziter Vorwurf: \u201eWenn er mal keine Lust hat zu arbeiten, liegt er halt dem Steuerzahler auf der Tasche.\u201c \u2013 Anlass, sich mit einer Daseinsform zu besch\u00e4ftigen, die f\u00fcr \u00fcber vier Millionen Berufst\u00e4tige in Deutschland Realit\u00e4t ist: Sie sind als Ein-Mann\/Frau-Selbst\u00e4ndige mehr oder weniger prek\u00e4r besch\u00e4ftigt. Ihnen bleibt in vielen Branchen kaum eine andere Wahl.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Wenn es um den Arbeitsmarkt geht, ist unsere politische Diskussion auf sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigte, also Angestellte, fixiert. Entweder man hat eine solche Arbeit, oder man hat keine. Wenn man keine hat, gilt man als arbeitslos. Dass es aber unz\u00e4hlige Menschen gerade in kreativen Branchen gibt, die nirgends angestellt sind, sondern fall- oder projektweise gegen Honorar besch\u00e4ftigt werden, ger\u00e4t dabei aus dem Blick.<\/p>\n<p>Diese Menschen sind \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 selbst\u00e4ndig und m\u00fcssen von ihren Honoraren Steuern und Sozialversicherungen bezahlen. Da sie <em>per definitionem<\/em> nicht arbeitslos werden k\u00f6nnen (sie sind ja nicht angestellt), sind sie auch nicht in der Arbeitslosenversicherung. Daher haben sie auch keinen Anspruch auf das Arbeitslosengeld I, sondern sind im Falle der Bed\u00fcrftigkeit sofort auf die Grundsicherung angewiesen: eben auf Arbeitslosengeld II aka Hartz IV.<\/p>\n<p>Nicht anders scheint es bei dem eingangs erw\u00e4hnten Betroffenen der Fall gewesen zu sein: Er hat die Grundsicherung in Anspruch genommen, wenn er darauf angewiesen war. Das ist ein v\u00f6llig normaler Vorgang und jedenfalls kein Anlass, dem Bed\u00fcrftigen Schmarotzertum vorzuwerfen. Inzwischen hat der mittlerweile prominente Betroffene zudem angek\u00fcndigt, in Zukunft keine Leistungen der Arbeitsagenturen mehr in Anspruch nehmen zu wollen.<\/p>\n<p>Auch bekannte Schauspieler machen es nicht anders: Sie werden im Rahmen einer Produktion f\u00fcr einige Drehtage gebucht und bekommen daf\u00fcr eine Gage. Wenn diese Gage nun nicht reicht, engagementlose Zeiten zu \u00fcberbr\u00fccken, m\u00fcssen auch sie sich um Grundsicherung bem\u00fchen \u2013 und tun dies auch. So schrieb <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article2128130\/Wenn-Schauspieler-von-Hartz-IV-leben-muessen.html\" target=\"_blank\">Die Welt schon 2008<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Einige Tausend Schauspieler sind in j\u00fcngster Zeit in Hartz IV abgerutscht, da sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld erwerben konnten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier ging es im Speziellen darum, dass Schauspieler wegen ihrer tageweisen Engagements oft die Dauer der Besch\u00e4ftigung nicht erreichen, die sie br\u00e4uchten, um Anspruch auf Arbeitslosengeld I zu haben. Im Allgemeinen verweist der Fall der Schauspieler jedoch auch auf das Ph\u00e4nomen, dass es in den letzten anderthalb Jahrzehnten in Teilen des Wirtschaftslebens \u00fcblich geworden ist, Mitarbeiter nicht mehr anzustellen, sondern ihre Leistungen fallweise bei externen Dienstleistern einzukaufen.<\/p>\n<p>Bei vielen Tageszeitungen wurden festen Redakteuren gek\u00fcndigt; ihre Leistungen erbringen jetzt Zusammenschl\u00fcsse von selbst\u00e4ndigen Journalisten, die in nicht seltenen F\u00e4llen personell identisch mit den zuvor Entlassenen sind. Im Architekturb\u00fcro ist der \u201efeste freie Mitarbeiter\u201c seit hundert Jahren \u00fcblich; viele junge Leute am Beginn ihrer Berufskarriene wollen gar nicht angestellt sein, sondern versuchen sich neben dem \u201efreien\u201c Brot- und Lernjob im etablierten Architekturb\u00fcro auf eigene Faust einen Namen zu machen \u2013 zum Beispiel \u00fcber Architekturwettbewerbe, die sie nebenher auf eigene Rechnung bearbeiten. Fotografen oder Videofilmer sind meistens nicht angestellt, sie arbeiten selbst\u00e4ndig f\u00fcr ihre Kunden. In Werbe-, Text- oder Grafikagenturen arbeiten ebenso Selbst\u00e4ndige wie im Fitnesscenter, in der Physiotherapiepraxis, im \u00dcbersetzungsb\u00fcro oder in der Softwareentwicklung. Die meisten davon sind Einzelk\u00e4mpfer, oder sie arbeiten in losen, projektbezogenen Arbeitsgemeinschaften.<\/p>\n<p>Viele haben keine Chance auf eine Festanstellung, obwohl sie sie w\u00fcnschen, andere wollen sich gar nicht mit Haut und Haar an einen Arbeitgeber binden und genie\u00dfen die Freiheit, f\u00fcr verschiedene Auftraggeber arbeiten zu k\u00f6nnen. Gemeinsam ist beiden Gruppen, dass sie unternehmerisch am Markt agieren m\u00fcssen und stets darauf angewiesen sind, Auftr\u00e4ge zu akquirieren. Dass dies in Zeiten der Krise zunehmend schwieriger wird, weil es weniger bezahlte Auftr\u00e4ge gibt und im Gegenzug mehr Selbst\u00e4ndige um diese Auftr\u00e4ge konkurrieren, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>Eine Arbeitsmarktpolitik, die diese Selbst\u00e4ndigen nicht zur Kenntnis nimmt, weil sie nur Angestellte als berufst\u00e4tig wahrnimmt, oder eine Arbeitsamtspraxis, die diese Selbst\u00e4ndigen bei vor\u00fcbergehender Erfolglosigkeit sofort in \u201eMa\u00dfnahmen\u201c zwingt mit dem Ziel, sie umzuschulen, hat noch nicht begriffen, dass man es hier mit einer neuen Art prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung zu tun hat, die von den Betroffenen in vielen F\u00e4llen auch als bereichernd und befreiend erlebt wird. Wer bei Freiberuflern immer nur an den reichen Arzt oder Apotheker denkt (und ihn in der gesetzlichen Krankenkasse in die H\u00f6chststufe zwingt), ignoriert eine immer gr\u00f6\u00dfer werdende Gruppe von Berufst\u00e4tigen, die als Kleinst-Unternehmer Innovation und Kultur in diesem Lande in erheblichem Ma\u00dfe bef\u00f6rdern. Man sollte ihnen die Instrumente, die sie zu ihrer pers\u00f6nlichen Absicherung brauchen, gew\u00e4hren wie jedem anderen Bed\u00fcrftigen auch \u2013 statt sie als <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/johannes-ponader\/piraten-geschaeftsfuehrer-arbeitsamts-chef-25020336.bild.html\" target=\"_blank\">\u201eLebensk\u00fcnstler\u201c<\/a> zu verh\u00f6hnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Piratenvorstand Johannes Ponader ist am 4. Juli 2012 in der FAZ an die \u00d6ffentlichkeit gegangen und hat entw\u00fcrdigende Methoden der Arbeitsagenturen gegen\u00fcber Hartz IV-Empf\u00e4ngern angeprangert. 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