{"id":1346,"date":"2012-08-10T17:28:48","date_gmt":"2012-08-10T15:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=1346"},"modified":"2013-04-08T01:54:45","modified_gmt":"2013-04-07T23:54:45","slug":"vereint-gegen-taut-erker-wutburger-in-zehlendorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=1346","title":{"rendered":"Vereint gegen Taut-Erker: Wutb\u00fcrger in Zehlendorf"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eSie m\u00fcssen aufpassen, dass Sie sich in Berlin nicht komplett zum Buhmann machen!\u201c Diese Drohung richtete gestern der Berliner CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns an den Landeskonservator J\u00f6rg Haspel. Ort: B\u00fcrgersaal des Rathauses Zehlendorf in Berlin. Anlass: Ein umstrittener Glaserker von Max Taut aus dem Jahr 1964 am Jagdschloss Glienicke. Jetzt haben auch die Wutb\u00fcrger von Zehlendorf ein Thema gefunden, mit dem sie es \u201edenen da oben\u201c mal so richtig zeigen k\u00f6nnen. Besonders demokratisch ging es auf deren Versammlung allerdings nicht zu.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=1348\" rel=\"attachment wp-att-1348\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-1348\" title=\"glienicke\" alt=\"\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/glienicke.jpg\" width=\"700\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/glienicke.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/glienicke-200x133.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/glienicke-449x300.jpg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><!--more--><\/a>Wer gestern Abend zu der <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/ba-steglitz-zehlendorf\/aktuelles\/jagdschloss.html\" target=\"_blank\">\u00f6ffentlichen Veranstaltung <\/a>kam, um zu erfahren, worum es eigentlich bei dem Architekturstreit um das Jagdschloss Glienicke geht, wurde ganz sch\u00f6n auf die Folter gespannt. Das unstrukturierte und atemlos vorgetragene Eingangsreferat einer Dame der B\u00fcrgerinitiative \u201eWeltkulturerbe Glienicke\u201c\u00a0 versuchte durch vielerlei Zitate, mal aus Unesco-Texten, mal aus Briefwechseln, Positionen zu begr\u00fcnden, die der Besucher gar nicht einordnen konnte. Der am Anfang bereits aufkeimende Verdacht, dass es sich hier um eine Insider-Veranstaltung zur Selbstvergewisserung handeln k\u00f6nnte, best\u00e4tigte sich dann im weiteren Verlauf.<\/p>\n<p>Der Casus l\u00e4sst sich ungef\u00e4hr so zusammenfassen: Das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jagdschloss_Glienicke\" target=\"_blank\">Jagdschloss Glienicke<\/a>, am \u00e4u\u00dfersten s\u00fcdwestlichen Zipfel des Berliner Stadtgebiets gelegen, ist im Kern barock, hat aber seine pr\u00e4gende Form haupts\u00e4chlich in zwei Ausbaustufen in den sechziger und den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erhalten (Architekten Ferdinand von Arnim und Albert Geyer). Es ist damit ein historistisches Schl\u00f6sschen zwischen Neobarock und Neorenaissance von eher \u00fcberschaubarem kunstgeschichtlichem Wert. Es ist wegen seiner Lage in der Sichtachse zwischen den ungleich bedeutenderen Schinkel-Schl\u00f6ssern Glienicke und Babelsberg dennoch Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes \u201eSchl\u00f6sser und G\u00e4rten von Potsdam und Berlin\u201c (eingetragen 1991).<\/p>\n<p>Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Jagdschloss vor dem Verfall gerettet, indem es durch den bedeutenden Architekten Max Taut 1960-64 zu einer Jugendbildungsst\u00e4tte des Landes Berlin um- und ausgebaut wurde. Max Taut war neben seinem Bruder Bruno Taut einer der pr\u00e4genden Avantgarde-Architekten der klassischen Moderne im Berlin der zwanziger Jahre. Sein Umbau des Schlosses wirkte sich auch in der \u00e4u\u00dferen Ansicht aus: Vor allem ein etwa zwei Meter auskragender Glaserker \u00fcber drei Fensterachsen in der Breite und zwei Geschosse in der H\u00f6he markiert \u2013 zeittypisch f\u00fcr den Umgang der Nachkriegsmoderne mit historistischen Bauten \u2013 die Hauptfassade.<\/p>\n<p>Durch einen Brand im Jahr 2003 entstand Handlungsbedarf. Landeskonservator J\u00f6rg Haspel legte gestern dar, dass alle beteiligten Gremien um eine L\u00f6sung gerungen haben und einvernehmlich zu der Entscheidung gekommen sind, die Zeitschicht \u201eTaut\u201c als bedeutend f\u00fcr das Jagdschloss Glienicke aufzufassen und beizubehalten. Lediglich im Falle einer bautechnischen Notwendigkeit der Sanierung sollte der Glaserker entfernt und m\u00f6glichst ansichtsgleich nachgebaut werden. Dieser Fall ist eingetreten: Der Erker erwies sich als so marode, dass er abgenommen wurde. Die B\u00fcrgerinitiative will jetzt erreichen, dass statt des Erkers wieder die neobarocke Fassade des Architekten Geyer rekonstruiert wird. Sch\u00fctzenhilfe bekam sie durch den Steglitz-Zehlendorfer Bezirksstadtrat Norbert Schmidt, der nach Amtsantritt im letzten Jahr einen zeitweiligen Baustopp veranlasst hatte. Haspel sieht im Verhalten des Bezirks eine einseitige Abkehr von der Konsensentscheidung.<\/p>\n<p>Schmidt firmierte als \u201eEinladender\u201c zu dieser Veranstaltung, die immerhin \u00f6ffentliche Ressourcen im Rathaus Zehlendorf in Anspruch nahm. Es blieb allerdings unklar, wer der Veranstalter war: der Bezirk Steglitz-Zehlendorf oder die beiden auf dem Podium vertretenen B\u00fcrgerinitiativen, die im Saal Unterschriftenlisten ausgelegt hatten. Schmidt, der keinen Hehl daraus machte, zu den Taut-Gegnern zu geh\u00f6ren, hatte auch erst gar nicht versucht, ein ausgewogenes Podium zusammenzustellen. Es war vielmehr \u201eVier gegen einen\u201c besetzt, wenn man Gastgeber Schmidt bei den \u201eGegnern\u201c mitz\u00e4hlt und Landeskonservator Haspel als einzigen Taut-Bef\u00fcrworter ansieht. Die sch\u00f6ne Demokratie des Abends w\u00e4re \u00fcbrigens vollst\u00e4ndig zusammengekracht, wenn Haspel (der bis zuletzt lediglich als \u201eangefragt\u201c gef\u00fchrt wurde) kurzfristig am Kommen gehindert gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nachdem Lehmann-Brauns den Tautschen Umbau als eine \u201ezu korrigierende Verunstaltung\u201c bezeichnet hatte, versuchte er, Landeskonservator Haspel \u201eumzustimmen\u201c, worauf dieser sinnvollerweise nicht einging. Anders als der von keinem Zweifel ber\u00fchrte Architektur-Populist Lehmann-Brauns (\u201eNiemand in Berlin ist noch f\u00fcr Taut!\u201c) war Haspel erkennbar um Deeskalation bem\u00fcht und sprach selbstkritisch davon, aus dem Vorgang gelernt zu haben und den Dialog mit B\u00fcrgern k\u00fcnftig noch fr\u00fcher suchen zu wollen.<\/p>\n<p>Der inzwischen vom Podium ins Publikum gewechselte Stadtrat Schmidt \u00fcberlie\u00df das Wort nun Annette Ahme von der B\u00fcrgerinitiative \u201eSch\u00f6ne Mitte \u2013 Sch\u00f6ne Stadt\u201c. Die in Berlin bestens bekannte Retro-Aktivistin hat sich in der Vergangenheit stets f\u00fcr die wahllose Rekonstruktion verlorener Geb\u00e4ude ausgesprochen: Hauptsache, es sieht irgendwie alt aus. Umso perfider, dass sie sich in diesem Fall ausnahmsweise ein Standard-Argument der Rekonstruktionsgegner zu Eigen macht: \u201eSie sagen doch immer, was weg ist, ist weg und soll nicht rekonstruiert werden!\u201c Dass ein im Zuge einer Sanierung ausgewechseltes Bauteil anders zu bewerten ist als eine jahrzehntelange Abwesenheit eines ganzen Geb\u00e4udes, ficht sie dabei ebenso wenig an wie die logische Kapriole, dass die von ihr geforderte Wiederherstellung der neobarocken Fassade ja ebenfalls eine Rekonstruktion von etwas w\u00e4re, das weg ist.<\/p>\n<p>Was dann folgte, lie\u00df die Unausgewogenheit der Veranstaltung vollends zutage treten. Ahme, die urpl\u00f6tzlich von der Diskutantin zur Moderatorin mutierte, \u00f6ffnete die Diskussion f\u00fcr Fragen aus dem Publikum. Gleich zu Beginn rief sie f\u00fcnf, sechs ihr namentlich bekannte Leute auf, darunter ihren Ehemann, w\u00e4hrend sie eventuelle Taut-Bef\u00fcrworter im Saal trotz Wortmeldung mehrfach konsequent \u00fcbersah. Nachdem zwei ihrer Mitstreiter\u00a0 am Saalmikrofon erm\u00fcdende, gef\u00fchlt jeweils f\u00fcnfzehnmin\u00fctige Monologe gegen Taut und Denkmalpflege abgeliefert hatten, verlie\u00df der Beobachter den Saal. Nach \u00fcber 100 Minuten war f\u00fcr ihn keine neue Erkenntnis mehr zu erwarten. Eine Besucherin, die sich als Vertreterin des Nutzers, der Jugendbildungsst\u00e4tte, zu erkennen gab, kam ihm hinterher und berichtete, dass dies schon die vierte Veranstaltung zu diesem Thema war, bei der Taut-Bef\u00fcrworter nicht zu Wort gekommen seien.<\/p>\n<p>Taut soll also getilgt werden, wenn es nach diesen B\u00fcrgern geht. Ironie der Geschichte, dass auch Max Taut 1964 \u201ema\u00dfstabslose Anbauten\u201c entfernen lie\u00df, \u201ewas von der Denkmalpflege als wesentliche Verbesserung begr\u00fc\u00dft\u201c wurde (zitiert nach Annette Menting, Max Taut \u2013 Das Gesamtwerk, M\u00fcnchen 2003). Das ist eine alte Geschichte in der Architektur: Jede Epoche will immer das weghaben, was die vergangene Epoche geschaffen hat \u2013 zugunsten der vorvergangenen. Geben wir der Zeitschicht \u201eMax Taut\u201c die Chance, von der vergangenen zur vorvergangenen Epoche zu werden \u2013 dann wird man sie in Glienicke auch wieder wertsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzung: Neue Bilder gibt es in einem <a title=\"Nicht ganz \u00fcberzeugend: \u201cTaut-Erker\u201d am Jagdschloss Glienicke\" href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=2025\">neueren Beitrag hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSie m\u00fcssen aufpassen, dass Sie sich in Berlin nicht komplett zum Buhmann machen!\u201c Diese Drohung richtete gestern der Berliner CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns an den Landeskonservator J\u00f6rg Haspel. Ort: B\u00fcrgersaal des Rathauses Zehlendorf in Berlin. Anlass: Ein umstrittener Glaserker von Max Taut aus dem Jahr 1964 am Jagdschloss Glienicke. 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