{"id":1507,"date":"2012-10-05T19:38:19","date_gmt":"2012-10-05T17:38:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=1507"},"modified":"2012-10-06T01:09:16","modified_gmt":"2012-10-05T23:09:16","slug":"wo-bleibt-dresden-in-der-turm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=1507","title":{"rendered":"Wo bleibt Dresden in \u201eDer Turm\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dem Fernseh-Zweiteiler \u201e<a href=\"http:\/\/www.daserste.de\/unterhaltung\/film\/filme-im-ersten\/sendung\/2012\/der-turm-teil-1-100.html\" target=\"_blank\">Der Turm<\/a>\u201c (3. und 4. 10. 2012 in der ARD, <a href=\"http:\/\/mediathek.daserste.de\/sendungen_a-z\/1933898_fernsehfilme-im-ersten\/11973386_-der-turm-1-\" target=\"_blank\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/mediathek.daserste.de\/sendungen_a-z\/1933898_fernsehfilme-im-ersten\/11981650_-der-turm-2-\" target=\"_blank\">hier<\/a> in der Mediathek) ist es tats\u00e4chlich gelungen, den episch breit angelegten Roman von Uwe Tellkamp auf einige spannende, Degeto-kompatible Konfliktlinien zu verdichten. Das ist durchaus als Kompliment gemeint (ich bin vor vier Jahren jedenfalls nach gut 200 Seiten Lekt\u00fcre steckengeblieben, noch ohne dass sich bis dahin allzuviel \u201eHandlung\u201c herauskristallisiert hatte). Eine gro\u00dfe Schw\u00e4che der Fernsehverfilmung ist allerdings bisher kaum benannt worden: Der Schauplatz Dresden spielt (fast) nicht mit. Wo der Film versucht, wie \u201eDDR\u201c auszusehen, vers\u00e4umt er es, wie \u201eDresden\u201c auszusehen.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=1509\" rel=\"attachment wp-att-1509\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Turm_DD_Strasse\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Turm_DD_Strasse.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"394\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Screenshot: ARD<\/p><\/div>\n<p><!--more-->Keine Besprechung des Romans oder eben dieses Fernsehfilms, die nicht auf den Schauplatz Dresden abzielt: Dresden, das kein Westfernsehen empf\u00e4ngt, weil es im Tal der Ahnungslosen gelegen ist. Die Kulturstadt Dresden, in der sch\u00f6ngeistiges B\u00fcrgertum den Sozialismus in br\u00f6ckelnden alten Villen aussitzt. Solche Dinge halt. Jedenfalls ist der real existierende Nobel-Stadtteil \u201eWei\u00dfer Hirsch\u201c, \u00fcber Dresdens Elbh\u00e4ngen throhnend und mit einer Standseilbahn erschlossen, im Buch der namensgebende \u201eTurm\u201c. Doch im Film findet er ebenso wenig statt wie der Rest der Stadt Dresden.<\/p>\n<p>Gut, in der Anfangsszene des ersten Teils f\u00e4hrt Hauptperson Christian mit eben dieser Standseilbahn nach Hause. Man sieht kurz die Loschwitzer Br\u00fccke im Gegenlicht. In der ersten Szene des zweiten Teils gibt es ein kurzes Panorama \u00fcber Dresdens T\u00fcrme, \u00fcber das noch zu sprechen sein wird. Aber sonst? Gef\u00fchlte 90 Prozent des Films spielen in geschlossenen R\u00e4umen, in denen die vorherrschende Farbpalette von Beige \u00fcber Ocker bis Braun reicht. Hier haben die Ausstatter bis zum Lichtschalter alles richtig gemacht: So sah es wohl in DDR-Wohnungen der achtziger Jahre aus. Bei Au\u00dfenaufnahmen kann man sich nicht so leicht davonmogeln. Sagen wir es so: Wo der Film versucht, wie \u201eDDR\u201c auszusehen, vers\u00e4umt er es, wie \u201eDresden\u201c auszusehen.<\/p>\n<p>Die Besonderheiten Dresdens, von der stadtr\u00e4umlichen Lage am Elbtal und mit den weinbewachsenen H\u00e4ngen (Radebeul!) angefangen bis hin zu bekannten, auch in den achtziger Jahren schon (wieder) existierenden Bauwerken (Zwinger! Semperoper! Br\u00fchlsche Terrasse!) sind im Film allesamt nicht zu sehen. H\u00e4tte nicht wenigstens der Weihnachtsgottesdienst, sagen wir, in der Kreuzkirche stattfinden k\u00f6nnen? Wenn der Film tats\u00e4chlich mal im Freien spielt, ist es meistens Nacht (oder wir befinden uns vor einer Plattenbau-Kaserne, wo der Film milit\u00e4rischen Drill anprangert, als w\u00e4re dieser ein DDR-Spezifikum). Die Villen im \u201eWei\u00dfen Hirsch\u201c, heute perfekt saniert und in den <a href=\"http:\/\/www.mdr.de\/der-turm\/index.html\">Begleitmaterialien des MDR<\/a> auch gro\u00df herausgestellt, sind im Film hingegen kaum je identifizierbar.<\/p>\n<p>Nehmen wir die Stra\u00dfe, in der Richards Geliebte mitsamt gemeinsamer Tochter wohnt. Diese Stra\u00dfe ist offenbar bewusst im Kontrast zum b\u00fcrgerlichen Stadtteil angesiedelt (Screenshot oben): Hier wird mit Lada, Barkas und Stra\u00dfenlaterne ein typischer Stra\u00dfenraum dargestellt, wie er in vielen gr\u00fcnderzeitlichen (Arbeiter-)Stadtvierteln in der DDR vorzufinden war: unsanierte H\u00e4user, wenig Autos \u2013 man meint geradezu, den Braunkohlenmief zu riechen. Nur ist auch diese Stra\u00dfe untypisch f\u00fcr Dresden: Die meisten gr\u00fcnderzeitlichen Stra\u00dfen in Dresden bestehen aus einzeln freistehenden H\u00e4usern. Nat\u00fcrlich gibt es auch Stra\u00dfenz\u00fcge wie den dargestellten, zum Beispiel in der \u00c4u\u00dferen Neustadt, nur schieden diese wegen der heute durchweg sanierten H\u00e4user als Drehort aus. Und dort, wo man f\u00fcndig wurde (ich vermute, die Szene stammt aus G\u00f6rlitz), gab es eben keine freistehenden Dresdner H\u00e4user. Vielleicht nur eine Kleinigkeit, aber es passt zu der durchg\u00e4ngigen Nicht-Erkennbarkeit Dresdens im Film.<\/p>\n<div id=\"attachment_1517\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=1517\" rel=\"attachment wp-att-1517\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1517\" class=\"size-full wp-image-1517\" title=\"Turm_DD_Pano\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Turm_DD_Pano.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Turm_DD_Pano.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Turm_DD_Pano-200x112.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Turm_DD_Pano-532x300.jpg 532w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1517\" class=\"wp-caption-text\">Screenshot: ARD<\/p><\/div>\n<p>Nun noch zu dem erw\u00e4hnten Panorama (Screenshot oben): Wenn man hier die T\u00fcrme durchz\u00e4hlt, sieht man an der Horizontline nacheinander Rathausturm, Kreuzkirche, Frauenkirche, Hausmannsturm des Schlosses und katholische Hofkirche. Moment, war da nicht was? Zum Zeitpunkt der Handlung haben Frauenkirche und Hausmannsturm nach Kriegszerst\u00f6rung (noch) nicht wieder existiert, jedenfalls nicht in der gezeigten Form. Einen solchen krassen Ausstattungsfehler h\u00e4tte man leicht durch digitale Retusche vermeiden k\u00f6nnen. Fazit: An den wenigen Stellen, an denen Dresden tats\u00e4chlich als Dresden erkennbar ist, stimmt zumindest die Zeitschicht nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Fernseh-Zweiteiler \u201eDer Turm\u201c (3. und 4. 10. 2012 in der ARD, hier und hier in der Mediathek) ist es tats\u00e4chlich gelungen, den episch breit angelegten Roman von Uwe Tellkamp auf einige spannende, Degeto-kompatible Konfliktlinien zu verdichten. 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