{"id":2068,"date":"2013-05-13T19:13:12","date_gmt":"2013-05-13T17:13:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=2068"},"modified":"2022-04-21T23:33:10","modified_gmt":"2022-04-21T21:33:10","slug":"eine-bauhaus-architektur-gibt-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=2068","title":{"rendered":"Eine &#8222;Bauhaus&#8220;-Architektur gibt es nicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Immer \u00f6fter st\u00f6\u00dft man auf den Begriff &#8222;Bauhaus-Stil&#8220; \u2013 oder auch &#8222;Bauhaus-Architektur&#8220; \u2013 er wird jedenfalls verwendet, wenn Makler, Journalisten oder auch Architekten eine irgendwie kubisch, wei\u00df und schn\u00f6rkellos wirkende Architektur benennen wollen. Doch auf das historische Bauhaus kann sich eine solche Begrifflichkeit nicht st\u00fctzen: Es gab n\u00e4mlich nie einen &#8222;Bauhausstil&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1060711.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2556 size-full\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1060711.jpg\" alt=\"P1060711\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1060711.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1060711-200x150.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/P1060711-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Das Bauhausgeb\u00e4ude in Dessau von Walter Gropius, 1925\/26. Foto 2013<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Avantgarde-Architekten der zwanziger und drei\u00dfiger Jahre des 20. Jahrhunderts wollten mehrheitlich keinen neuen &#8222;Stil&#8220; schaffen \u2013 wandten sie sich doch vielmehr genau gegen die &#8222;Neo&#8220;-Stile des 19. Jahrhunderts. Doch schon fr\u00fch wurde ihr &#8222;stilloses&#8220; Schaffen mit neuen Etiketten versehen.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmteste darunter ist der &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_Stil\">Internationale Stil<\/a>\u201c, eine Wortsch\u00f6pfung von Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnson, die 1932 die ber\u00fchmte Ausstellung &#8222;The International Style\u201c im New Yorker MoMA kuratiert hatten, in der sie internationale Beispiele eben jener schn\u00f6rkellosen, kubischen und (vermeintlich) wei\u00dfen Architektur in Europa zusammengetragen haben.<\/p>\n<p>Der Begriff vom Internationalen Stil wurde im angloamerikanischen Sprachraum popul\u00e4rer als in Kontinentaleuropa. In Deutschland sprach man gerne vom &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neues_Bauen\">Neuen Bauen<\/a>&#8222;, so zum Beispiel ein Buchtitel von Norbert Huse von 1975, obwohl diese Wortmarke eine Sch\u00f6pfung des Architekten Hugo H\u00e4ring ist, der seine eher organisch geformte Architektur als &#8222;neues bauen&#8220; vermarktete. Der Begriff passt also kaum als <em>pars pro toto<\/em> f\u00fcr die genannten Merkmale.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen popul\u00e4r wurde der Begriff des &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Funktionalismus_%28Design%29\">Funktionalismus<\/a>&#8222;, der darauf abhob, dass bei dieser Architektur die Form das Resultat nicht des &#8222;Kunstwollens&#8220; seines Architekten ist, sondern sich vielmehr quasi automatisch aus der Funktion ergibt \u2013 eine \u00dcberbetonung eines Aspekts, die den Begriff ebenfalls problematisch erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ganz gut geeignet erscheint hingegen der Begriff der &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Sachlichkeit_%28Architektur%29\">Neuen Sachlichkeit<\/a>&#8220; \u2013 schon deswegen, weil er sehr anschaulich ist: Das &#8222;neu&#8220; verweist auf den Neuigkeitswert dieser Architektur (in ihrer Zeit), und die &#8222;Sachlichkeit&#8220; impliziert durchaus die genannten stilistischen Merkmale. Historisch ist die &#8222;Neue Sachlichkeit&#8220; in Abgrenzug zum Expressionismus aufgekommen.<\/p>\n<p>Doch statt diese Begriffe zu verwenden, h\u00f6rt man immer \u00f6fter vom &#8222;Bauhausstil&#8220;. Sofern man den Begriff &#8222;Bauhaus&#8220; nicht gerade als Name einer Baumarktkette missversteht, wird damit also Bezug auf das historische <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bauhaus\">Bauhaus<\/a> genommen, das von 1919 bis 1933 in Weimar, Dessau und Berlin als Kunst-, Design- und (ab 1927 auch) Architekturschule existierte.<\/p>\n<p>Wer sich mit dem Bauhaus besch\u00e4ftigt, wird schnell erkennen, dass an dieser Schule kein einheitlicher &#8222;Stil&#8220; gelehrt wurde. Somit m\u00fcsste also erst definiert werden, welche Architektur denn \u00fcberhaupt &#8222;stilbildend&#8220; sein soll im Sinne eines solchen Begriffs. Die Architektur der Bauhaus-Lehrer? Wenn ja: Alle ihre Werke, oder nur solche, die w\u00e4hrend der Existenz des historischen Bauhauses entstanden sind? Was ist mit Werken von Bauhaus-Sch\u00fclern? Gelten da auch solche Werke, die lange nach der Existenz der Schule in den Nachkriegsjahrzehnten entstanden sind? Zugespitzt: Sind also auch die Zuckerb\u00e4ckereien eines Richard Paulick an der Stalinallee &#8222;Bauhausbauten&#8220;?<\/p>\n<p>Wie eng oder weit man auch immer den Kreis schlie\u00dft, man kommt nie umhin festzustellen, dass es keine einheitliche Auspr\u00e4gung der Architektur aus dem Umfeld des Bauhauses gibt.<\/p>\n<p>Die Bauten, die Walter Gropius 1925\/26 f\u00fcr den neuen Standort des Bauhauses in Dessau schuf \u2013 also Meisterh\u00e4user und das Bauhaus selbst \u2013, kommen sicher der eingangs erw\u00e4hnten Architekturanmutung am n\u00e4chsten: Kubische Flachdachbauten, im Au\u00dfenbau weitgehend wei\u00df, Bandfenster, gro\u00dfe Glasfl\u00e4chen, solit\u00e4rer St\u00e4dtebau \u2013 so ungef\u00e4hr stellt man sich landl\u00e4ufig &#8222;Bauhaus-Architektur vor \u2013 und Gropius, der ein begnadeter Propagandist seiner selbst war, hat dagegen nat\u00fcrlich nichts unternommen. Aber\u00a0 &#8222;zwischen dem esoterischen Expressionismus eines Johannes Itten, der wei\u00dfen Moderne von Gropius und der schwarzen Eleganz von Mies van der Rohe liegen geistige und \u00e4sthetische Welten\u201c,\u00a0 schrieb Ulf Meyer 2001 zutreffend im Vorwort zu einem <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/hans-engels-ulf-meyer\/bauhaus-architektur.html\">Buch<\/a>, das merkw\u00fcrdigerweise den Titel &#8222;Bauhaus-Architektur&#8220; tr\u00e4gt. Titel des Vorworts: &#8222;Eine Bauhaus-Architektur gibt es nicht&#8220;. Dem ist nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen 2022:<\/strong><\/p>\n<p>Dem Kunsthistoriker J\u00fcrgen Tietz verdanke ich den Hinweis, dass der Begriff &#8222;Neue Sachlichkeit&#8220; f\u00fcr ein begrenztes Ph\u00e4nomen in der Kunst steht und sich daher nicht unbedingt als &#8222;Stilbegriff&#8220; f\u00fcr eine weitgefasste Architekturauspr\u00e4gung eignet.<\/p>\n<p>Dem Publizisten Falk Jaeger verdanke ich den Hinweis, dass der Begriff &#8222;Bauhaus-Stil&#8220; inzwischen in der Wissenschaft anerkannt sei. In dem von ihm als Referenz dazu genannten Buch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.jovis.de\/de\/buecher\/product\/edition-bauhaus-band-11.html\">Bauhaus-Stil. Zwischen International Style und Lifestyle<\/a>&#8222;, das ich mir dazu eigens antiquarisch besorgt habe (danke, jovis Verlag!) habe ich allerdings in keinem der Aufs\u00e4tze eine entsprechende Best\u00e4tigung gefunden.<\/p>\n<p>Die Urheberschaft von Walter Gropius an den Bauhausbauten in Dessau darf inzwischen in Zweifel gezogen werden, vgl. <a href=\"https:\/\/www.bauwelt.de\/rubriken\/buecher\/Walter-Gropius-Der-Architekt-seines-Ruhms-3444074.html\">Bernd Polster, &#8222;Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms&#8220;.<\/a> Demnach sind diese Bauten ma\u00dfgeblich von Gropius&#8216; Mitarbeiter Carl Fieger entworfen worden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer \u00f6fter st\u00f6\u00dft man auf den Begriff &#8222;Bauhaus-Stil&#8220; \u2013 oder auch &#8222;Bauhaus-Architektur&#8220; \u2013 er wird jedenfalls verwendet, wenn Makler, Journalisten oder auch Architekten eine irgendwie kubisch, wei\u00df und schn\u00f6rkellos wirkende Architektur benennen wollen. Doch auf das historische Bauhaus kann sich eine solche Begrifflichkeit nicht st\u00fctzen: Es gab n\u00e4mlich nie einen &#8222;Bauhausstil&#8220;. 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