{"id":2193,"date":"2013-07-30T19:49:56","date_gmt":"2013-07-30T17:49:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=2193"},"modified":"2013-07-31T02:29:41","modified_gmt":"2013-07-31T00:29:41","slug":"angst-weiskirch-und-lila-drei-bucher-fur-den-sommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=2193","title":{"rendered":"Angst, Weiskern und Lila: Drei B\u00fccher f\u00fcr den Sommer"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den letzten Tagen lagen drei B\u00fccher in meiner Badetasche, die mich mehr oder weniger gut unterhalten haben. Drei Kurzrezensionen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=2194\" rel=\"attachment wp-att-2194\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2194\" alt=\"3cover\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/3cover.jpg\" width=\"700\" height=\"376\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/3cover.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/3cover-200x107.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/3cover-558x300.jpg 558w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu &#8222;Angst&#8220; hatte ich einen Vorabdruck gelesen, daher wusste ich, dass es um einen Stalker geht. Die Hauptfigur, ein Berliner Architekt im besten Alter, zieht mit Frau und zwei Kindern in eine Eigentumswohnung im b\u00fcrgerlichen Lichterfelde. Doch bald tr\u00fcbt sich die Idylle; ein seltsamer, einzelg\u00e4ngerischer Nachbar sucht erst Anschluss und wird dann bald zum St\u00f6renfried. Er lauert der Ehefrau auf, schreibt verleumderische Briefe. Das Wohlbefinden der Familie ist schwer gest\u00f6rt, alle Beteiligten haben \u2013 Angst. Soweit der Vorabdruck. Ich hatte nun erwartet, dass im Buch dieses Stalking weiter beschrieben und auf die Spitze getrieben wird. Doch es beginnt da, wo der Vorabdruck aufh\u00f6rte: bei der Nachgeschichte des zwischenzeitlich erfolgten Mordes an dem Stalker. Mord? Ja, als T\u00e4ter sitzt der wortkarge, waffenvernarrte alte Vater der Hauptfigur in Haft, der keinen anderen Weg wusste, die Familie seines Sohnes zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das Buch erz\u00e4hlt das Stalking eher beil\u00e4ufig eingestreut, daf\u00fcr vertieft es sich in die Jugend der Hauptfigur und ihr Verh\u00e4ltnis zum konservativen Vater. Auch die Vorgeschichte seiner Ehe wird ausgelotet \u2013 das alles ist nachvollziehbar, aber auch etwas z\u00e4h. Nebenbei wird \u00fcber Selbstjustiz und die Ohnmacht der Beh\u00f6rden gegen\u00fcber dem Stalker r\u00e4sonniert. Wie man lesen konnte, war der Autor im wahren Leben selbst Opfer solcher Nachstellungen.<\/p>\n<p>Wenn man dann glaubt, das Buch geschafft zu haben, kommt es am Ende zu einer bitterb\u00f6sen Schlusspointe, die das ganze vorangegangene Buch im neuen Lichte erscheinen l\u00e4sst; ja, es erst verst\u00e4ndlich macht.<\/p>\n<p><em>Dirk Kurbjuweit: Angst. <a href=\"http:\/\/www.rowohlt.de\/magazin_artikel\/Dirk_Kurbjuweit_Angst.3062215.html\">Rowohlt Berlin<\/a>, 2013. 256 Seiten, 18,95 Euro<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Christoph Hein war mir zuvor als Autor nur fl\u00fcchtig gel\u00e4ufig; als ich das Buch zur Hand nahm, vermutete ich &#8222;hohe&#8220; Literatur, die wohl kunstvoll formuliert ist, aber keinen spannenden Plot voranbringt. Nun, damit lag ich falsch, denn die Geschichte ist durchaus gegenw\u00e4rtig geerdet \u2013 auch in der Umgangssprache, die die Figuren sprechen. Und es kommt eine Menge Handlung drin vor; fast etwas viel f\u00fcr das Leben des routiniert abgestumpften, 59-j\u00e4hrigen Hochschullehrers mit der schlecht bezahlten halben Stelle. Geld hat er also nicht, als auf einmal das Finanzamt mit einer hohen Steuernachforderung an ihn herantritt. Au\u00dferdem\u00a0 kommt er mit bandenm\u00e4\u00dfiger Betrugskriminalit\u00e4t in Ber\u00fchrung, ein reicher Student will ihm Geld f\u00fcr einen Hochschulabschluss bieten, seine junge Freundin soll ihn gef\u00e4lligst in Ruhe lassen, eine absurde M\u00e4dchenbande haut ihm derweil eine Schlagkette \u00fcber den Kopf, seine Kollegen und Studenten sind sowieso alle Idioten, und sein geisteswissenschaftliches Fach wird an allen Enden beschnitten, gek\u00fcrzt und von Abwicklung bedroht. Bringt ja kein Geld ein. Dass er seit Jahren an einer wissenschaftlichen Prestige-Edition eines Librettisten aus dem 18. Jahrhundert werkelt, die niemand je kaufen wird, rundet das Bild nach unten ab.<\/p>\n<p>Das Buch schildert einigerma\u00dfen realistisch die Lebensumst\u00e4nde des kreativen Prekariats, wobei man dem Helden attestieren muss, dass er durchaus noch ausreichend Geld f\u00fcr eine b\u00fcrgerliche Teilhabe hat. Er wird im Verlaufe der Geschichte nicht sympathischer, auch nicht, als eine vorsichtige Klasse-Frau hinzutritt, die er wohl gerne f\u00fcr sich gew\u00e4nne&#8230;<\/p>\n<p>Einige Details sind unglaubw\u00fcrdig; so vergibt kein einzelner Dozent im Alleingang Hochschulabschl\u00fcsse, und die Finanzamtsforderung ist auch unplausibel. Aber der Konflikt zwischen &#8222;Geld haben und daf\u00fcr was Doofes machen&#8220; und &#8222;Kein Geld haben, aber was Edles, Hilfreiches und Gutes machen&#8220; ist recht gut austariert. Fazit: Kurzweiliges Stimmungsbild.<\/p>\n<p><em>Christoph Hein: Weiskerns Nachlass. <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/weiskerns_nachlass-christoph_hein_46392.html\">Suhrkamp Verlag Berlin<\/a>, 2011 (Taschenbuchausgabe 2012). 318 Seiten, 9,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein nicht gerade besonders heller Kellner will eine attraktive Studentin auf sich aufmerksam machen. Er hat in einem alten Nachttisch vom Tr\u00f6dler ein Romanmanuskript aus den F\u00fcnfzigerjahren gefunden. Er scannt es ein und setzt, einer Laune folgend, seinen eigenen Namen darunter. Dann gibt er den Text der Studentin. In dem Glauben, er sei der Autor dieser perfekten Liebesgeschichte, wendet sie sich tats\u00e4chlich ihm zu und wird zu seiner Freundin. Als sie schlie\u00dflich hinter seinem R\u00fccken das Manuskript einem Verlag anbietet, der das Buch gro\u00df herausbringt, ist es f\u00fcr ihn zu sp\u00e4t, den Schwindel aufzukl\u00e4ren. Er muss wohl die \u2013 hier nur m\u00e4\u00dfig \u00fcberzeichneten \u2013 Gepflogenheiten des Literaturzirkus mitmachen, wenn er die Frau nicht wieder verlieren will. Lesereisen, Fernseh-Interviews, Buchmessenbes\u00e4ufnisse \u2013 nichts wird ausgelassen. Doch dann taucht ein seltsamer Alter auf, der mehr \u00fcber das\u00a0 Manuskript zu wissen scheint und sich von unserem Literatur-Star nicht mehr absch\u00fctteln l\u00e4sst. Jetzt ist der Held endg\u00fcltig in der Katastrophe angekommen&#8230;<\/p>\n<p>Wie bei Martin Suter gewohnt, ist die Geschichte bis in die Details gl\u00e4nzend recherchiert und spannend inszeniert. Ein herrliches Buch, das mit Daniel Br\u00fchl als schriftstellerndem Kellner und Henry H\u00fcbchen als versoffenem Prahlhans kongenial verfilmt wurde.<\/p>\n<p><em>Martin Suter: Lila, Lila. <a href=\"http:\/\/www.diogenes.de\/leser\/katalog\/nach_autoren\/a-z\/s\/9783257234695\/buch\">Diogenes Verlag<\/a>, Z\u00fcrich, 2004 (Taschenbuchausgabe 2009). 356 Seiten, 19,90 Euro<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen lagen drei B\u00fccher in meiner Badetasche, die mich mehr oder weniger gut unterhalten haben. 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