{"id":2534,"date":"2014-03-01T16:13:38","date_gmt":"2014-03-01T15:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=2534"},"modified":"2014-05-30T00:45:26","modified_gmt":"2014-05-29T22:45:26","slug":"architektur-in-essen-1960-2013-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=2534","title":{"rendered":"Buchrezension: Architektur in Essen 1960\u20132013"},"content":{"rendered":"<p><b>Der zweite Band des Architekturf\u00fchrers f\u00fcr die Gro\u00dfstadt Essen ist erschienen. Viele kuriose Bauten sind darin enthalten \u2013 und eine Kritik an der Fl\u00e4chensanierung der sechziger und siebziger Jahre am Beispiel des Stadtteils Essen-Steele<\/b><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2513\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/eisenbahn-6.jpg\" alt=\"eisenbahn 6\" width=\"700\" height=\"958\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/eisenbahn-6.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/eisenbahn-6-109x150.jpg 109w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/eisenbahn-6-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><i>Ein lustiges Folly: Regattaturm am Baldeneysee. Hier hat der Rezensent als Kind gerudert (Architekt: Horst Lippert\/Hochbauamt Essen, 1962)<\/i><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den ersten Band 1900\u20131960 hatte ich so\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=1808\">besprochen<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist von einem sehr sch\u00f6nen Buch zu berichten, das von Essener Architektur-Enthusiasten gemacht wurde und die Architektur der Moderne in Essen vorstellt. Der Kern des Buches besteht aus einer ambitionierten Strecke, die jedes Geb\u00e4ude auf je einer Seite mit einem historischen Foto und einem m\u00f6glichst aus der selben Perspektive aufgenommenen aktuellen Bild zeigt. Dazu gibt es zu jedem Geb\u00e4ude einen knappen Text. Die Bilder sind in edlem Schwarz-Wei\u00df und in hoher Quali\u00e4t auf Glanzpapier gedruckt. Kurz: Das Buch gen\u00fcgt h\u00f6chsten \u00e4sthetischen Anspr\u00fcchen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Folgeband besch\u00e4ftigt sich nun haupts\u00e4chlich mit der Architektur der Nachkriegszeit. Manche Bauten habe ich als Kind in den siebziger Jahren entstehen sehen, insofern ist die Konfrontation damit auch ein pers\u00f6nlicher D\u00e9j\u00e0-Vu-Effekt. Viele Kuriosa sind darunter, und anders als f\u00fcr die Epoche der klassischen Moderne ist nach dem Krieg in Essen wenig wirklich Bedeutendes entstanden \u2013 vielleicht abgesehen vom Sakralbau, wo mit Kirchen von Rudolf Schwarz, Gottfried B\u00f6hm, Hans Schilling oder Emil Steffan wichtige Projekte realisiert werden konnten (die teilweise schon im ersten Band behandelt wurden \u2013 die Z\u00e4sur 1960 erweist sich erneut als ungl\u00fccklich). Erst in j\u00fcngster Zeit sind wieder Bauten von \u00fcberregionalem Interesse entstanden \u2013 ob es der Umbau der Zeche Zollverein ist (Foster; Koolhaas; B\u00f6ll\/Krabel; SANAA) oder das Folkwang-Museum von David Chipperfield, die Bibliothek von Max Dudler in Essen-Werden oder der RWE-Turm von Christoph Ingenhoven&#8230;\u00a0Im neuen Band verzichten die Herausgeber auf die Gegen\u00fcberstellung von bauzeitlichen Abbildungen mit neu fotografierten Bildern \u2013 die Fotos sind gr\u00f6\u00dftenteils alle aktuell.<\/p>\n<p>In den Einf\u00fchrungskapiteln vor dem Geb\u00e4udeteil besch\u00e4ftigt sich dieses Buch mit verschiedenen architektonisch-politischen Ereignissen und Str\u00f6mungen \u2013 zum Beispiel mit der Posse um das nach dem Krieg erst wiederaufgebaute neugotische Essener Rathaus, das allen Ernstes in den sechziger Jahren zugunsten eines Warenhauses abgerissen wurde, das inzwischen selbst schon\u00a0l\u00e4ngst nicht mehr steht. Daf\u00fcr hat Essen an einem anderem Standort das h\u00f6chste Rathaus Deutschlands bekommen \u2013 f\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Von besonderem Interesse ist die kurze, aber verdichtete kritische W\u00fcrdigung der <b>&#8222;Sanierung&#8220; im Stadtteil Essen-Steele<\/b> \u2013 die inzwischen \u00fcberregional als S\u00fcndenfall und Planungsexzess gilt. Dieses im Kern mittelalterliche St\u00e4dtchen Steele, 1929 nach Essen eingemeindet und urkundlich sogar \u00e4lter als Essen, wurde in den sechziger und siebziger Jahren brachial zu einem &#8222;Mittelzentrum&#8220; ausgebaut \u2013 mit allen Schikanen: sechsspurige Autoschneisen, Wohnhochh\u00e4user und nat\u00fcrlich Fl\u00e4chenabriss erhaltungsw\u00fcrdiger historischer Bausubstanz. Das Irre daran ist, dass &#8222;biedere, arbeitnehmerorientierte Sozialdemokraten&#8220; wie OB Katzor hier gemeinsame Sache mit undurchsichtigen Akteuren der Bauwirtschaft machten; dass hier Planer wie der Dezernent Hollatz agieren konnten, die ihr Handwerk in den Wiederaufbaust\u00e4ben der Nazis gelernt hatten, dass hier \u00fcberforderte Politiker Planungen abnickten, die schon vorab von &#8222;Fachleuten&#8220; entschieden worden waren, und dass schlie\u00dflich eine B\u00fcrgerbeteiligung allenfalls als Feigenblatt durchgef\u00fchrt wurde. Ich erinnere mich an einen Info-Pavillon mit einem Stadtmodell aus vielen kleinen Hochhauskl\u00f6tzchen, der unterhalb der Laurentiuskirche am Kaiser-Otto-Platz aufgebaut war und haupts\u00e4chlich als Urinal missbraucht wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2527\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-2.jpg\" alt=\"steele 2\" width=\"700\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-2.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-2-200x106.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-2-563x300.jpg 563w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><i>Vor der Sanierung: Verkehrsprobleme sind nicht zu \u00fcbersehen \u2013 diese Fahrzeuge quetschen sich gleich alle durch eine einspurige Gasse<\/i><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2526\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-3.jpg\" alt=\"steele 3\" width=\"700\" height=\"374\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-3.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-3-200x106.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-3-561x300.jpg 561w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><i>W\u00e4hrend der Sanierung: Vorindustrielle Fachwerkh\u00e4user wurden fl\u00e4chendeckend zerst\u00f6rt<\/i><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2525\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-4.jpg\" alt=\"steele 4\" width=\"700\" height=\"668\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-4.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-4-157x150.jpg 157w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/steele-4-314x300.jpg 314w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><i>Nach der Sanierung: In Steele geht man seitdem ins Center Carr\u00e9e (Architekt: Walter\u00a0Brune, 1978). Alle Bilder aus dem besprochenen Band<\/i><\/p>\n<p>Mein Bild vom Steele meiner Kindheit hat zwei Facetten: Vor der Sanierung quetschten sich Autos, Linienbusse und Stra\u00dfenbahnen durch teilweise einspurige Altstadtgassen. L\u00e4rm- und vor allem Geruchsbelastung habe ich als Kind als unertr\u00e4glich empfunden. Es war also sicher richtig, den Verkehr neu zu ordnen und den zentralen Nahverkehrsknoten am vormaligen Bahnhof Steele-West zu bauen.<\/p>\n<p>Das zweite Bild ist das der Abrissbirne: Fl\u00e4chendeckend wurde ortsbildpr\u00e4gende Bausubstanz vernichtet; gr\u00fcnderzeitliche Wohnbauten ebenso wie vorindustrielle Fachwerkh\u00e4user. &#8222;Mama, rei\u00dfen die unser Haus auch ab?&#8220; Wie ein Fanal blieben, ebenfalls neben der Laurentiuskirche, lediglich zwei kleine Fachwerkh\u00e4user erhalten \u2013 weil der Eigent\u00fcmer, ein Arzt, sich dem Sanierungswahn widersetzt hatte. Alternativplanungen gab es \u2013 im benachbarten Hattingen wurde zeitgleich die erste behutsame Altstadtsanierung Deutschlands durchgef\u00fchrt. Doch solche Stimmen wurden in Steele ignoriert. Heute sind viele der als &#8222;Sanierung&#8220; errichteten Sozialwohnungsbauten ihrerseits bereits heruntergekommen und sanierungsreif. Es ist verdienstvoll von diesem Buch, auch solche Dinge erw\u00e4hnt zu haben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2522 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/97838375083211.jpg\" alt=\"Dokument 3\" width=\"172\" height=\"247\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/97838375083211.jpg 172w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/97838375083211-104x150.jpg 104w\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" \/><\/p>\n<address><em>Berger Bergmann, Peter Brdenk (Hrsg.)<\/em><\/address>\n<address><em>Text von Holger Kr\u00fcssmann<\/em><\/address>\n<address><em>Mit Fotografien von Wolfgang Kleber<\/em><\/address>\n<address><em><b>Architektur in Essen 1960\u20132013<\/b><\/em><\/address>\n<address><em><a href=\"http:\/\/web.klartext-verlag.de\/bookdetail.aspx?ISBN=978-3-8375-0832-1\">Klartext-Verlag<\/a> Essen, 2013<\/em><\/address>\n<address><em>220 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Broschur, 14,95 \u20ac<\/em><\/address>\n<address><em>ISBN: 978-3-8375-0832-1<\/em><\/address>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der zweite Band des Architekturf\u00fchrers f\u00fcr die Gro\u00dfstadt Essen ist erschienen. Viele kuriose Bauten sind darin enthalten \u2013 und eine Kritik an der Fl\u00e4chensanierung der sechziger und siebziger Jahre am Beispiel des Stadtteils Essen-Steele Ein lustiges Folly: Regattaturm am Baldeneysee. Hier hat der Rezensent als Kind gerudert (Architekt: Horst Lippert\/Hochbauamt Essen, 1962)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2534","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2534"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2831,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2534\/revisions\/2831"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}