{"id":2863,"date":"2014-06-26T22:03:13","date_gmt":"2014-06-26T20:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=2863"},"modified":"2014-08-25T22:23:45","modified_gmt":"2014-08-25T20:23:45","slug":"buchrezension-authentizitaet-und-gemeinschaft-ueber-das-linksalternative-leben-in-den-siebzigern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=2863","title":{"rendered":"Buchrezension: Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft \u2013 \u00fcber das linksalternative Leben in den Siebzigern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit dem Geburtsjahrgang 1964 bin ich einen Tick zu jung, um das &#8222;Linksalternative Leben in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren&#8220; (Untertitel) selbst als erwachsener Akteur erlebt haben zu k\u00f6nnen. Noch einmal drei Jahre j\u00fcnger ist der Autor dieser Untersuchung: Der 1967 geborene Sven\u00a0Reichhardt\u00a0erforscht auf 1.000 Seiten mit dem Instrumentarium des neutralen Wissenschaftlers die\u00a0selbsternannte\u00a0alternative\u00a0Avantgarde, die das geistige Klima in Deutschland im Grunde bis heute entscheidend pr\u00e4gt\u00a0\u2013 das Buch ist eine imponierende Flei\u00dfarbeit.<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2869\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/canvas.jpg\" alt=\"canvas\" width=\"476\" height=\"782\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/canvas.jpg 476w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/canvas-91x150.jpg 91w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/canvas-182x300.jpg 182w\" sizes=\"auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aufmerksam geworden bin ich auf dieses Buch durch eine Rezension von Jens Bisky in der S\u00fcddeutschen Zeitung (<a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/sven-reichardt\/authentizitaet-und-gemeinschaft.html\" target=\"_blank\">hier<\/a> die Perlentaucher-Zusammenfassung). Darin hebt der Ostdeutsche Bisky hervor, dass er im Kapitel &#8222;Hausbesetzungen&#8220; plausibel nachlesen konnte, warum in Frankfurt\/Main, Westberlin und anderenorts H\u00e4user &#8222;instandbesetzt&#8220; wurden. Das Kapitel \u00fcber die Hausbesetzungen ist in der Tat auch deswegen interessant, weil es zwischen verschiedenen Akteuren und ihren unterschiedlichen Motivationen unterscheidet \u2013 hier akademisch gepr\u00e4gte, politisierte K\u00e4mpfer um den Erhalt von Wohnraum gegen\u00fcber der Spekulation, dort junge arbeitslose Trebeg\u00e4nger, Alkis und Drogis, die einfach nur irgendwo pennen wollten (Reichhardt dr\u00fcckt das nat\u00fcrlich wissenschaftlicher aus).<\/p>\n<p>Erkenntnisgewinn also zu einem Architektur- und St\u00e4dtebau-Thema. Wir haben dennoch\u00a0erst einmal die &#8222;spannenden Stellen&#8220; nachgeschlagen: Im Kapitel &#8222;K\u00f6rper und Sexualit\u00e4t&#8220; lernen wir, dass die Mitglieder der Kommune 1 offenbar \u00fcberhaupt keinen promisken Sex hatten, im Gegenteil: F\u00fcr die Fotosession des ber\u00fchmten Bildes, bei dem die Kommunarden nackt mit gespreizten Armen und Beinen an einer Wand stehen und r\u00fccklings abgelichtet wurden, haben sich die Bewohner zum ersten Mal gegenseitig unbekleidet\u00a0gesehen, und sie waren froh, sich danach schnell wieder anziehen zu k\u00f6nnen. Diese Information\u00a0ist zwar weder neu (sie wurde laut Fu\u00dfnote schon 2002 publiziert), noch hat sie\u00a0im engsten Sinne etwas mit dem betrachteten Zeitraum zu tun \u00a0\u2013 es \u00fcberrascht dennoch. Die Beschreibung der sexuellen Libertinage im alternativen Kommunen- und WG-Milieu\u00a0ist jedenfalls offenbar weitgehend ein Narrativ der b\u00fcrgerlichen Presse, die \u2013 schaurig-sch\u00f6n \u2013 voyeuristische Projektionen transportiert\u00a0hat. Die Wirklichkeit in der alternativen Beziehung war dagegen viel anstrengender: &#8222;Sexualit\u00e4t wurde zwar als Befreiung aus kapitalistischer Repression empfunden, aber die Sensibilisierung f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper und die Bed\u00fcrfnisse des Partners kam\u00a0nicht ohne eigene\u00a0Normierungen aus.&#8220; Mit ihrer Psychologisierung formte das linksalternative Milieu \u0017&#8220;einen Sexualit\u00e4tsdiskurs, der keinerlei Freir\u00e4ume mehr zulie\u00df&#8220;: Intimste Details wurden \u00f6ffentlich gemacht und kollektiv besprochen.<\/p>\n<p>Ein Ph\u00e4nomen aus der linksalternativen Ecke habe ich\u00a0im Hochschulmilieu der achtziger Jahre als sehr pr\u00e4sent erlebt: den Feminismus. Es waren obligatorische Sprachregelungen ergangen wie die Schreibweise mit Binnenmajuskel (&#8222;StudentInnen&#8220;). Bezeichnungen wie &#8222;M\u00e4dchen&#8220; oder gar &#8222;M\u00e4del&#8220; f\u00fcr erwachsene Frauen waren hingegen strengstens verboten, jedes weibliche Wesen ab 18 musste als &#8222;Frau&#8220; bezeichnet werden. Freundliche Blicke zu einer Frau hin wurden als Macho- oder Chauvi-Angriff gebrandmarkt. Auch ohne Gendertheorie \u2013 die kam sp\u00e4ter \u2013 war dies ein unerwartet penetranter sozialer Konformit\u00e4tszwang, der\u00a0au\u00dferhalb des akademischen Milieus keine gro\u00dfe Rolle spielte \u2013 au\u00dfer bei Politikern, die seitdem stoisch\u00a0&#8222;W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler&#8220; sagen, selbst dann, wenn sie konservativ sind und derartigen Tinnef eigentlich ablehnen. Reichhardts Buch behandelt den Feminismus knapp und nur in seinen politischen Hauptstr\u00f6mungen \u2013 die Verunsicherungen im Alltag, die er ausl\u00f6ste, erw\u00e4hnt er nicht.<\/p>\n<p>Gleichwohl ist das Buch eine Fundgrube, wenn etwa \u00fcber alternative Kneipen, Buchl\u00e4den oder Zeitungen berichtet wird. Obwohl etwas zu jung, mag man immer wieder sagen: &#8222;Genau so war es!&#8220; Es ist das Verdienst dieses Buches, mit wissenschaftlicher Genauigkeit und unparteiischer Beschreibung all das noch einmal erkl\u00e4rt zu bekommen, was das eigene Umfeld zu Zeiten der Adoleszenz gepr\u00e4gt hat: die Idee, man k\u00f6nne sein\u00a0Leben &#8222;in alternativen Zusammenh\u00e4ngen&#8220; f\u00fchren.<\/p>\n<address class=\"p10\" style=\"color: #1a1a1a;\"><span style=\"color: #000000;\">Sven Reichardt:\u00a0Authentizit\u00e4t und Gemeinschaft<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"> Linksalternatives Leben in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren<\/span><\/address>\n<address><span style=\"color: #000000;\"><a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/authentizitaet_und_gemeinschaft-sven_reichardt_29675.html\" target=\"_blank\"><span style=\"color: #000000;\">suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2075<\/span><\/a><\/span><\/address>\n<address><span style=\"color: #000000;\">Berlin 2014, 1018 Seiten,\u00a0ISBN: 978-3-518-29675-2, 29,90 Euro<\/span><\/address>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Geburtsjahrgang 1964 bin ich einen Tick zu jung, um das &#8222;Linksalternative Leben in den siebziger und fr\u00fchen achtziger Jahren&#8220; (Untertitel) selbst als erwachsener Akteur erlebt haben zu k\u00f6nnen. 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