{"id":3314,"date":"2015-08-04T11:18:10","date_gmt":"2015-08-04T09:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=3314"},"modified":"2020-07-01T22:45:54","modified_gmt":"2020-07-01T20:45:54","slug":"peter-richter-8990-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=3314","title":{"rendered":"Buchrezension: Peter Richter: 89\/90"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der geb\u00fcrtige Dresdner Peter Richter, heute Kulturkorrespondent der S\u00fcddeutschen Zeitung in New York, erz\u00e4hlt von den Wendejahren 1989\/90 in seiner Heimatstadt. In aller Drastik wird eine Adoleszenz vorgef\u00fchrt, die vom Verschwinden einer gesamten Gesellschaftsordnung gepr\u00e4gt ist. Der gro\u00dfe Wenderoman ist es allerdings nicht geworden.<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3317\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/51OyLGF3sqL._SY344_BO1204203200_.jpg\" alt=\"51OyLGF3sqL._SY344_BO1,204,203,200_\" width=\"214\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/51OyLGF3sqL._SY344_BO1204203200_.jpg 214w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/51OyLGF3sqL._SY344_BO1204203200_-93x150.jpg 93w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/51OyLGF3sqL._SY344_BO1204203200_-186x300.jpg 186w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Thomas Brussigs Mauer\u00f6ffnungsphantasie \u201eHelden wie wir\u201c, Uwe Tellkamps beh\u00e4bige Bildungsb\u00fcrger-Saga \u201eDer Turm\u201c, Lutz Seilers virale Hiddensee-Memorabilie \u201eKruso\u201c: All dies sind m\u00f6gliche Antworten auf die Erwartungshaltung an den \u201eGro\u00dfen Wenderoman\u201c \u00fcber das Ende der DDR. Nun also kommt Peter Richter mit \u201e89\/90\u201c. Das Buch passt allerdings schon deshalb nicht in diese Reihe, weil es strenggenommen kein Roman ist. Denn es fehlen dessen Deutschlehrer-Definitionsmerkmale: Keine Entwicklung der Hauptfigur, sie ist zwischen 15 und 17 Jahre alt, schwerst fr\u00fchreif und verbringt ihre Tage und vor allem N\u00e4chte rauchend, saufend und bisweilen klauend aush\u00e4usig; die Schule ist zum Schlafen da. Und sie bewegt sich dabei in Milieus, von deren Existenz die meisten Leser wohl nicht einmal ahnten. Und es gibt auch keinen Spannungsbogen, wenn man mal davon absieht, dass hinterher alles anders ist als vorher.<\/p>\n<p>Nein, kein Roman, aber eine stark autobiografische Anekdotensammlung \u00fcber ein Aufwachsen in einem Lande im freien Fall. Der Ich-Erz\u00e4hler und seine Punk-Clique hat f\u00fcr die untergehende Kleinb\u00fcrger-DDR nichts \u00fcbrig und muss sich dennoch von Neonazis verpr\u00fcgeln lassen, die in ihm eine linke Zecke ausmachen. In den Plattenbaugebieten von Dresden erlangen die Skinheads schnell die Stra\u00dfenhoheit \u2013 dass es in der DDR keine Rechtsradikalen gegeben habe, war immer nur ein frommer Wunsch der Staatsf\u00fchrung. Umgekehrt sind seine eigenen Leute auch nicht zimperlich: Sie knacken die gerade vom Gebrauchtwagenbetr\u00fcger f\u00fcr teures Westgeld erworbenen Kadetts und Escorts und fahren sie mutwillig gegen die n\u00e4chste Wand \u2013 weil der Besitzer einen \u201eDeutschland\u201c-Aufkleber einer rechtsextremen Partei draufgepappt hatte.<\/p>\n<p>Linke und rechte Jugendgangs sind die eine Welt \u2013 die DDR-\u201eNormalb\u00fcrger\u201c die andere. F\u00fcr diese \u201eSchimmelmenschen\u201c hat der Protagonist nur fassungslose Verachtung \u00fcbrig. Sie tragen dauergewellte Vokuhila-Frisuren, Schnauzbart und stone-washed Jeans \u2013 Schimmeljeans eben. Die Schimmelmenschen bejubeln Helmut Kohl im Dezember 89 an der Frauenkirche, feiern die W\u00e4hrungsumstellung wie Silvester und werfen dabei ihre wertlos gewordenen Alu-Pfennige wie Konfetti in die Luft. Sie kaufen Westmarken und wundern sich, dass sie bald arbeitslos werden. Sehr sch\u00f6n liest sich das bei Richter am Beispiel der Bierpreise: \u201eDas Cosch\u00fctzer oder Feldschl\u00f6sschen kosteten jetzt auch in der Kneipe nicht mehr 55 Pfennig das Glas, gewissenlose Wirte wollten auf einmal bis zu zwei Mark West daf\u00fcr. Wer noch den Schwarzmarktkurs von fr\u00fcher im Kopf hatte, kam auf irgendwas zwischen 14 und 18 Mark f\u00fcr ein Bierchen. Da strich sich der Schimmelmensch verdutzt \u00fcber den Schnauz, das hatte er irgendwie nicht bedacht bei der ganzen Sache.\u201c<\/p>\n<p>Richter beobachtet respektive erinnert genau, vor allem die Kleinigkeiten des Alltags, darin Walter Kempowski nicht un\u00e4hnlich. Mit der gro\u00dfen staatstragenden Erz\u00e4hlung von der Wiedervereinigung in Einheit und Freiheit kann dieser damals Sechzehnj\u00e4hrige nichts anfangen, vielmehr wird hier in aller Drastik und mit viel Dresdner Lokalkolorit eine Gegenerz\u00e4hlung aufgemacht, die oftmals urkomisch und immer erhellend ist. Die gro\u00dfe Pointe dabei: Die schimmeligen Einheitsjubler sind zu Wendeverlierern geworden; der Protagonist und seine Clique haben hingegen ihre neuen M\u00f6glichkeiten genutzt, waren mobil, waren im Ausland, haben jetzt interessante Jobs. Und ihren Frauen, die nicht in diesem kleinen, sonderbaren Land DDR aufgewachsen sind, haben sie einiges zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der geb\u00fcrtige Dresdner Peter Richter, heute Kulturkorrespondent der S\u00fcddeutschen Zeitung in New York, erz\u00e4hlt von den Wendejahren 1989\/90 in seiner Heimatstadt. In aller Drastik wird eine Adoleszenz vorgef\u00fchrt, die vom Verschwinden einer gesamten Gesellschaftsordnung gepr\u00e4gt ist. Der gro\u00dfe Wenderoman ist es allerdings nicht geworden.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,15,4],"tags":[],"class_list":["post-3314","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-gesellschaft-und-politik","category-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3314","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3314"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3314\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4348,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3314\/revisions\/4348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3314"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3314"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3314"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}