{"id":356,"date":"2010-08-04T15:39:18","date_gmt":"2010-08-04T13:39:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=356"},"modified":"2010-08-05T10:32:47","modified_gmt":"2010-08-05T08:32:47","slug":"rauchfrei-in-berlin-%e2%80%93-ein-kleiner-presseskandal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=356","title":{"rendered":"Rauchfrei in Berlin \u2013 ein kleiner Presseskandal"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Forum Rauchfrei&#8220; \u2013 das ist ein Verein der Nichtraucherlobby. Und der hat es gestern geschafft, eine\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.forum-rauchfrei.de\/index.php?page=183706619&amp;f=1\">Pressemitteilung<\/a> ungepr\u00fcft in alle Berliner Lokalzeitungen von &#8222;taz&#8220; bis &#8222;<a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/berlin-aktuell\/article1364717\/In-Berlins-Kneipen-wird-wieder-kraeftig-geraucht.html\">Morgenpost<\/a>&#8220; zu lancieren. Demnach \u2013 Alarm, Alarm! \u2013 soll selbst im gutb\u00fcrgerlichen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf jedes vierte Speiselokal den Nichtraucherschutz missachten. Wir machen uns gewiss nicht f\u00fcr Tabakqualm in der Gastronomie stark \u2013 aber\u00a0 beim Versuch, die Z\u00e4hlungen des Vereins vor Ort nachzuvollziehen, sind wir bei deutlich harmloseren Ergebnissen gelandet. Ist das Ganze also eher ein kleiner Presseskandal?<!--more--><\/p>\n<p>Wer sich zum Thema &#8222;Rauchen in der \u00d6ffentlichkeit&#8220; \u00e4u\u00dfert, sollte seine eigene Position kurz vorab verorten \u2013 damit man versteht, aus welcher Ecke die \u00c4u\u00dferung kommt. Ich bin <strong>Nichtraucher<\/strong>, habe fr\u00fcher aber auch mal geraucht, und ich bin recht froh, dass ich seit drei Jahren meine Kleidung nicht mehr in die Reinigung geben muss, nur weil ich eine Pizzeria aufgesucht habe. Das Rauchverbot in der Gastronomie, zumindest in dezidierten Speise-Restaurants, h\u00e4tte man schon vor zwanzig Jahren einf\u00fchren sollen. Andererseits habe ich etwas gegen staatliche Bevormundung aller Lebensbereiche. Wer sich in der mittlerweile ber\u00fchmten <strong>&#8222;getr\u00e4nkegepr\u00e4gten Kleingastronomie&#8220;<\/strong> aufh\u00e4lt, vulgo in der Bierkneipe an der Ecke herumd\u00fcmpelt, der ist in den meisten F\u00e4llen Raucher \u2013 ob als Wirt oder Gast, ist dabei fast egal. Der Staat sollte diese Leute in Ruhe (rauchen) lassen, denn sie bleiben eh unter sich. Sie m\u00fcssen nicht vor sich selbst gesch\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>Anders sieht es in <strong>Speiselokalen<\/strong> aus. Hier hat der Gast tats\u00e4chlich einen Anspruch darauf, nicht vollgequarzt zu werden, nur weil er etwas essen m\u00f6chte. Aber gerade diese Speisegastronomie sei nun besonders anf\u00e4llig f\u00fcr Regelverst\u00f6\u00dfe, behauptet der Verein. Er arbeitet dabei mit suggestiven Formulierungen: Er vermisse in jeder vierten Gastst\u00e4tte den Schutz vor Passivrauch. Beim gemeinen Zeitungsleser kommt an, dass in jedem vierten Restaurant hemmungslos geraucht wird. Tats\u00e4chlich beklagt der Verein oft nur eine im Detail mangelhafte bautechnische Abtrennung des (erlaubten) Raucherraums. Im Einzelfall sicher unsch\u00f6n, aber eben auch keine weit verbreitete Total-Ignoranz des Nichtraucherschutzes.<\/p>\n<p>Die schlaumeierischen Formulierungen des Vereins haben mich jedenfalls dazu angestachelt, das Ganze selbst in Augenschein zu nehmen. Als Journalist und B\u00fcrger, nicht als Lobbyist. Und ergebnisoffen. Das Ergebnis hat mich dann aber doch erstaunt.<\/p>\n<p>Ich habe mich an der Versuchsanordnung des Vereins orientiert. Der will an einem Wochenende zwischen 20 und 2 Uhr nachts gez\u00e4hlt haben. Ich war nun am gestrigen Dienstag (3. August 2010) unterwegs, und zwar nach 22 Uhr \u2013 also jener omin\u00f6sen Uhrzeit, ab der die Gastronomiebranche unter der Woche keine Kontrollen des Ordnungsamtes mehr erwartet. Viel sp\u00e4ter h\u00e4tte ich nicht kommen d\u00fcrfen, denn viele Speiselokale waren nach 22 Uhr schon relativ leer. Andererseits ist die sp\u00e4te Stunde nat\u00fcrlich besonders viel versprechend, weil man zu dieser Zeit die eine oder andere Laxheit erwarten kann.<\/p>\n<p>Das &#8222;Forum Rauchfrei&#8220; hatte seinen Fokus auf rund 40 Speiselokale in <strong>Charlottenburg-Wilmersdorf <\/strong>gelegt, als Stra\u00dfen wurden genannt: Uhlandstra\u00dfe, Ludwigkirchplatz, Pariser Stra\u00dfe und Schl\u00fcterstra\u00dfe, letztere &#8222;bis Savignyplatz&#8220; (was geografisch nicht ganz hinhaut). Diesen Weg im Zentrum der Berliner City-West bin ich abgelaufen \u2013 und f\u00fchlte mich sofort mies: als Spitzel, der anderen Menschen hinterher spioniert und ihnen ihr Vergn\u00fcgen nehmen will. Ich musste mich mit dem Gedanken beruhigen, dass ich kein Denunziant bin, sondern ein <strong>Berichterstatter<\/strong>. Ein Berichterstatter, der ver\u00f6ffentlichte Behauptungen entweder verifizieren oder falsifizieren will. Dazu muss ich konkret werden. Deswegen nenne ich im Folgenden die Namen der Lokale und ihre Policy zum Thema Rauchen nach dem Augenschein. Das Label &#8222;negativ&#8220; bedeuten dabei, dass eben kein Rauchen festgestellt wurde: &#8222;Negativ&#8220; ist hier also so etwas wie &#8222;gut&#8220;.<\/p>\n<p>Pariser Str. 59, Caf\u00e9 Atyin: negativ (22:08)<\/p>\n<p>Pariser Str. 59, Caf\u00e9 Jetlag: negativ (22:10)<\/p>\n<p>Pariser Str. 58, Discothek Cesar: als Raucherclub gekennzeichnet (wohl regelwidrig, da keine getr\u00e4nkeorientierte Kleingastronomie), um diese Zeit noch keine G\u00e4ste, aber deutlicher Zigarettengeruch vom Vorabend (22:10)<\/p>\n<p>Pariser Str. 56\/57, Namascar: negativ (22:10)<\/p>\n<p>Pariser Str. 48, Ristorante Caruso: negativ (22:11)<\/p>\n<p>Uhlandstr.\u00a0 48, La Fiamma: negativ (22:13)<\/p>\n<p>Uhlandstr. 153, Da Giorgio Mini Pizza: negativ (22:15)<\/p>\n<p>Ludwigkirchstr. 11 Manzini: negativ (22:16)<\/p>\n<p>Ludwigkirchstr 14, Fagiano: negativ (22:17)<\/p>\n<p>Ludwigkirchstr. 6, Hamlet: negativ (22:21)<\/p>\n<p>Ludwigkirchstr. 9, Kaffeehaus Ottenthal: negativ (wird gerade geschlossen; 22:22)<\/p>\n<p>Pariser Str. 15, Weinkost: negativ (22:23)<\/p>\n<p>Pariser Str. Ecke Pfalzburger Str., am Ludwigkirchplatz, Weyers: im Hauptraum mit Theke wird geraucht, als Raucherbereich gekennzeichnet, Aschenbecher sind gedeckt, Nebenr\u00e4ume rauchfrei, Abgeschlossenheit durch Glast\u00fcr. Raumaufteilung dennoch offenbar regelwidrig (22:25)<\/p>\n<p>Ludwigkirchplatz Ecke Pfalzburger Str., Kuchel-Eck: im Hauptraum mit Tresen wird geraucht; Restaurant im Nebenraum mit eigenem Eingang von au\u00dfen, innen mit Glasschiebet\u00fcr abgetrennt: rauchfrei. Raumaufteilung dennoch offenbar regelwidrig (22:32)<\/p>\n<p>Ludwigkirchplatz Ecke Emser Str., Route 66 Diner: negativ (22:35)<\/p>\n<p>Pariser Str. 43, Mizuchi Sushi: negativ (22:38)<\/p>\n<p>Pariser Str. 42, Pizza Factory: negativ (22:40)<\/p>\n<p>Pariser Str. 18, Poco Loco: negativ (22:41)<\/p>\n<p>Pariser Str. 18a, Okeh: mit Glaswand abgetrennter, gro\u00dfer Nebenraum als Raucherraum genutzt, Hauptraum mit Tresen rauchfrei, offenbar regelkonform (22:43)<\/p>\n<p>Pariser Str. 18a, Brasserie Marcivo: negativ (22:44)<\/p>\n<p>Pariser Str. 19, Solo: negativ (22:45)<\/p>\n<p>Pariser Str. 39\/40, Falafel Mama: negativ (22:46)<\/p>\n<p>Pariser Str. 38, Friend&#8217;s Cocktailbar: als Raucherlokal ausgewiesen, kein Speisenangebot, offenbar regelkonform, da getr\u00e4nkeorientierte Kleingastronomie (22:48)<\/p>\n<p>Pariser Str. 22, Mr. Sushi: negativ (22:50)<\/p>\n<p>W\u00fcrttembergische Str. 8\/10, mr hai sushibar: negativ (22:51)<\/p>\n<p>Kurf\u00fcrstendamm 51, Paul: negativ (22:56)<\/p>\n<p>Schl\u00fcterstr. 47, Ovest: negativ (22:58)<\/p>\n<p>Schl\u00fcterstr. 33, Adnan: negativ (22:59)<\/p>\n<p>Schl\u00fcterstr. 33, Sushi Bar: negativ (23:01)<\/p>\n<p>Schl\u00fcterstr. 52, Mondo Pazzo: negativ (23:02)<\/p>\n<p>Schl\u00fcterstr. 52, QBA Cocktail Bar: negativ (23:03)<\/p>\n<p>Mommsenstr. 9, Marjellchen: negativ (23:04)<\/p>\n<p>Bleibtreustr. 17, Eingang Mommsenstr., AnnaLee: negativ (23:06)<\/p>\n<p>Mommsenstr. Ecke Bleibtreustr., Reste fidele: negativ (keine G\u00e4ste mehr; 23:07)<\/p>\n<p>Knesebeckstr. 77, Vagabund-Club:\u00a0 als Raucherlokal ausgewiesen, offenbar regelkonform (noch keine G\u00e4ste, Barkeeper raucht vor der T\u00fcr; 23:13)<\/p>\n<p>Else-Ury-Bogen 593 (am Savignyplatz), Petrocelli&#8217;s Bar: negativ (23:16)<\/p>\n<p>Savignyplatz 1, Brel: negativ (eventuell kleiner, abgetrennter Raucherraum im r\u00fcckw\u00e4rtigen Teil vorhanden; 23:17)<\/p>\n<p>Grolmannstr. 47, Diener Tattersall: Hier wird an allen Tischen geraucht, obwohl zubereitete Speisen angeboten werden: offensichtlich regelwidrig (23:19)<\/p>\n<p>Zur Methodik muss noch angemerkt werden, dass trotz des eher k\u00fchlen und   unbest\u00e4ndigen Sommerabends die meisten Lokale Freiluft-Sitzpl\u00e4tze vor   dem Haus angeboten haben, an denen durchg\u00e4ngig geraucht wurde. Die   Z\u00e4hlung bezieht sich nur auf <strong>Innenr\u00e4ume<\/strong>. Bei schlechterem Wetter sind also  andere Z\u00e4hlungsergebnisse denkbar.<\/p>\n<p>Nun zum <strong>Fazit<\/strong>: Nach der alarmistischen Pressemitteilung des Lobbyvereins war ich bass erstaunt, dass von 38 getesteten Lokalen lediglich ein einziges ganz eindeutig gegen den Nichtraucherschutz verst\u00f6\u00dft. Dieses Lokal, eine Alt-Berliner Traditionskneipe, ist keinesfalls als \u201einhabergef\u00fchrte, getr\u00e4nkegepr\u00e4gte Kleingastronomie&#8220; anzusehen, da es dort bis fast Mitternacht warme K\u00fcche gibt und augenscheinlich angestellte Kellnerinnen t\u00e4tig sind. Nach der geltenden Regel d\u00fcrfte hier also keineswegs geraucht werden.<\/p>\n<p>Weniger eindeutig sind die weiteren F\u00e4lle: Insgesamt drei Gastst\u00e4tten bezeichnen sich als <strong>Raucherlokale<\/strong> und weisen mit einem Schild schon von au\u00dfen darauf hin. Hier kann der Gast also vorher entscheiden, ob er sich dem Rauch aussetzen will. Allerdings scheinen nach meinem Daf\u00fcrhalten nur zwei Lokale tats\u00e4chlich zur &#8222;getr\u00e4nkegepr\u00e4gten Kleingastronomie\u201c zu geh\u00f6ren; eine Discothek erf\u00fcllt hingegen die Definition offensichtlich nicht. Es ist also streng genommen ein &#8222;illegales&#8220; Raucherlokal.<\/p>\n<p>Bleiben die vier Lokale, die sowohl Raucher- als auch Nichtraucherr\u00e4ume anbieten. Auch hier ist nur eines regelkonform ausgestattet, w\u00e4hrend drei weitere den Hauptraum zum Raucherraum machen und die Nichtraucher in Nebenr\u00e4ume abschieben. Nach der geltenden Regel m\u00fcsste es umgekehrt sein.<\/p>\n<p>Selbst wenn wir hier also sehr kleinlich sein wollten, ist doch zun\u00e4chst einmal festzustellen, dass in immerhin <strong>81,6%<\/strong> der Lokale <strong>\u00fcberhaupt nicht<\/strong> geraucht wird! Lediglich in <strong>2,6%<\/strong> der Lokale wird <strong>eindeutig regelwidrig<\/strong> geraucht, in weiteren <strong>7,9%<\/strong> wird <strong>unter Strapazierung der Regeln <\/strong>geraucht, und in <strong>7,9%<\/strong> wird schlie\u00dflich<strong> v\u00f6llig legal<\/strong> geraucht. Somit komme ich auf gerade mal <strong>10% <\/strong>Regelverletzer. Wie der Verein da auf eine Quote von 25% (&#8222;jedes vierte&#8220;) regelwidriger Raucherlokale kommen will, erschlie\u00dft sich mir nicht.<\/p>\n<p>Rauchen hin oder her: Das eigentliche \u00c4rgernis ist, dass die Presse die Behauptungen des Vereins ungepr\u00fcft \u00fcbernommen hat. Mit diesem kleinen Versuch m\u00f6chte ich dieser Berichterstattung Fakten entgegensetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Forum Rauchfrei&#8220; \u2013 das ist ein Verein der Nichtraucherlobby. 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