{"id":3578,"date":"2017-08-23T00:42:40","date_gmt":"2017-08-22T22:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=3578"},"modified":"2017-08-23T01:03:50","modified_gmt":"2017-08-22T23:03:50","slug":"herders-kleines-bildungsbuch-von-1960","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=3578","title":{"rendered":"&#8222;Herders Kleines Bildungsbuch&#8220; von 1960"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Kompedium, das katholischen Jugendlichen in der Nachkriegszeit die Welt erkl\u00e4rt, erweist sich in der R\u00fcckschau als paternalistisch, selbstgef\u00e4llig und salbungsvoll. Ein Fund im B\u00fccherschrank der Gro\u00dfeltern wirft ein Schlaglicht auf die Erziehungsideale, mit denen die Generation der Babyboomer konfrontiert wurde.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3579\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch.jpg 1632w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch-200x150.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch-400x300.jpg 400w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/herders_kleines_bildungsbuch-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir haben dieses Buch um 1981 herum im B\u00fccherschrank des gro\u00dfelterlichen Haushalts gefunden. Wir, das waren drei Cousins, zwischen 13 und 16 Jahre alt, die sich \u00fcber dieses Buch k\u00f6stlich am\u00fcsiert haben \u2013 besonders \u00fcber die erhitzt-verschmockten Passagen zur S\u00fcnde der Selbstbefriedigung im Kapitel &#8222;Der Geschlechtstrieb in der Reifezeit&#8220; (&#8222;&#8230; der l\u00f6sende Genu\u00df&#8220;). Zeittypisch haben wir mit dem dicken Edding fette Anarchiezeichen in das Buch gemalt und dazu auf dem Radiorecorder Ramones-Cassetten abgespielt. Wir waren sehr cool damals, zumindest haben wir uns so empfunden.<\/p>\n<p>Bei einer sp\u00e4teren Haushaltsaufl\u00f6sung ging das Buch dann verloren; ich habe es nun antiquarisch erneut besorgt. Es war nicht besonders teuer, kostete es in einer wohlbehaltenen Bibliotheksausgabe mit Schutzumschlag doch lediglich 0,25 \u20ac zuz\u00fcglich Versand.<\/p>\n<p>&#8222;Herders Kleines Bildungsbuch&#8220; ist erstmals 1956 in dem gleichnamigen katholischen Verlag aus Freiburg erschienen. Die Autoren sind namentlich nicht ausgewiesen, obwohl sie dem Leser st\u00e4ndig mit &#8222;wir&#8220; entgegentreten. Autorit\u00e4ten mussten sich damals nicht legitimieren, sie hatten schon deswegen Recht, weil sie es konnten &#8211; Recht haben und ein solches Buch schreiben.<\/p>\n<p>Einen Vermerk \u00fcber eine kirchliche Druckerlaubnis (Imprimatur) tr\u00e4gt es \u00fcbrigens nicht, aber es darf dennoch als kirchlich abgesichert gelten. Eine zeitgen\u00f6ssische <a href=\"https:\/\/www.degruyter.com\/view\/j\/bue.1957.10.issue-jg\/bue-1957-jg39\/bue-1957-jg39.png\">Rezension<\/a> fand das Buch eigentlich gut, mit der bedauernden Einschr\u00e4nkung, &#8222;dass es nur f\u00fcr Katholiken ist&#8220;.<\/p>\n<p>Das Buch wurde in schneller Folge neu aufgelegt; ich habe bewusst die &#8222;durchgesehene&#8220; 9. Auflage von 1960 besorgt, weil es die ist, die wir damals mit dem Edding traktiert hatten.<\/p>\n<p>Universallexikon, Welterkl\u00e4rung, Berufsberatung, Katechismus und Sexualaufkl\u00e4rung: Dieses Buch will auf gut 800 sehr eng bedruckten Seiten alles. Am irrsten sind die Bilder und ihre Bildunterschriften.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/IMG_0778-e1503229437568.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3587\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/IMG_0778-e1503229437568.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"933\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus den &#8222;Bl\u00e4ttern zur Berufskunde&#8220; in Herders kleinem Bildungsbuch: &#8222;DER KELLNER. H\u00f6flich reicht er die Gen\u00fcsse \u2013 andern&#8220; (sic!). Die Pointe kommt nach dem Gedankenstrich: Servilit\u00e4t als Berufsmaxime, dazu eine HJ-Frisur mit Scheitel. Es d\u00fcrfte klar geworden sein, warum wir uns als Jugendliche dar\u00fcber be\u00f6mmelt haben.<\/p>\n<p>Besonders erfolgreich scheint das Buch schon damals nicht gewesen zu sein: Es ist ausweislich der Bibliotheks-Datumsstempel genau dreimal ausgeliehen worden: zweimal 1962, einmal 1964. Kann nat\u00fcrlich daran liegen, dass es in der Evangelischen Gemeindeb\u00fccherei Trier, Nordallee 9, stationiert war. Falsche Konfession!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kompedium, das katholischen Jugendlichen in der Nachkriegszeit die Welt erkl\u00e4rt, erweist sich in der R\u00fcckschau als paternalistisch, selbstgef\u00e4llig und salbungsvoll. 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