{"id":4649,"date":"2021-04-19T23:51:55","date_gmt":"2021-04-19T21:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=4649"},"modified":"2022-03-22T03:51:01","modified_gmt":"2022-03-22T02:51:01","slug":"der-unbekannte-architekt-ludwig-spreitzer-zwischen-nazizeit-und-wiederaufbau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=4649","title":{"rendered":"Der unbekannte Architekt Ludwig Spreitzer: Zwischen NS-Zeit und Wiederaufbau"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als ich Neujahr 1989 nach Westberlin kam, sagte man mir: Wir fangen alle in Neuk\u00f6lln an, aber wir wollen hier schnell weg \u2013 obwohl David Bowie &#8222;Neuk\u00f6ln&#8220; (sic!) schon in den fr\u00fchen Achtzigern besungen hatte. Heute ist Neuk\u00f6lln Hipster-Hochburg. Und ich habe das Haus Richardstra\u00dfe 63, das damals meine erste Berliner Unterkunft wurde, jetzt wiederbesucht: ein denkmalgesch\u00fctztes 50er-Jahre-Geb\u00e4ude in der Tradition der 20er Jahre. Doch wer war dessen Architekt Ludwig Spreitzer? Eine erste Recherche f\u00fchrt vor allem in die NS-Zeit.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4648\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-990x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"724\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-990x1024.jpg 990w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-290x300.jpg 290w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-145x150.jpg 145w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-768x794.jpg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped-1486x1536.jpg 1486w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Richard_63_1_cropped.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Eckhaus Richardsta\u00dfe\/Kanner Stra\u00dfe ist mir schon damals sofort aufgefallen. Mit den farblich abgesetzten Fensterprofilen zeigte es Reminiszenzen an Bruno Taut und die Neue Sachlichkeit der 1920er Jahre; auch die abgerundete Eckl\u00f6sung sprach daf\u00fcr. Lediglich die Treppenhausbefensterung deutete auf die Fifties hin.<\/p>\n<p>Im Inneren gibt es eine Laubengangerschlie\u00dfung; die Zwei-Zimmer-Wohnungen haben eine Gr\u00f6\u00dfe von 41 Quadratmetern. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Inzwischen wird es von einem Immobilien-Heini als \u201e<a href=\"https:\/\/www.richardquartier.de\/\">Richard Quartier<\/a>\u201c vermarktet: Offenbar wurden die bescheidenen Wohnungen in Eigentum umgewandelt.<\/p>\n<p>Laut <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/landesdenkmalamt\/denkmale\/liste-karte-datenbank\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09090520\">Denkmalliste<\/a> wurde das Haus von einem \u201eGross, G\u00fcnther\u201c (also wohl einer Privatperson) als Bauherr errichtet und vom Architekten Ludwig Spreitzer 1952 geplant und 1953\/54 gebaut.<\/p>\n<p>Erst bei meinem jetzigen Wiederbesuch wurde ich auf den Namen des Architekten aufmerksam, den ich zuvor nie geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Eine erste Web-Recherche findet haupts\u00e4chlich Bez\u00fcge zur Siedlung am Grazer Damm von 1938-40, der gr\u00f6\u00dften realisierten Wohnsiedlung aus der NS-Zeit in Berlin mit rund 2.000 Wohnungen. Diese trutzigen f\u00fcnfgeschossigen Walmdachbauten, die gleichwohl st\u00e4dtebaulich den \u201eLuftkrieg\u201c bereits vorwegenommen hatten (!), wurde unter anderem von Ludwig Spreitzer geplant. Genauer: In der <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/landesdenkmalamt\/denkmale\/liste-karte-datenbank\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09066477\">Denkmalliste<\/a> und im Standardwerk \u201eBerlin und seine Bauten IV A\u201c von 1970 werden daf\u00fcr die Architekten Hugo Virchow, Richard Pardon, Carl Cramer und Ernst Danneberg genannt, also Spreitzer nicht. Das neuere Standardwerk zum Wohnungsbau der NS-Zeit, <a href=\"https:\/\/www.reimer-mann-verlag.de\/controller.php?cmd=detail&amp;titelnummer=302786&amp;verlag=3\">Michael Haben, \u201eBerliner Wohnungsbau 1933-45\u201c<\/a>, weist hingegen eine Beteiligigung Spreitzers zumindest f\u00fcr den Block zwischen Riemenschneiderweg und Overbeckstra\u00dfe nach. Es ist auch eigentlich fast egal, denn die Blocks am Grazer Damm wurden einer strengen Gestaltungsordnung nach einem Lageplan von Carl Cramer sowie finanziellen Beschr\u00e4nkungen kurz vor dem Krieg unterworfen und unterscheiden sich untereinander fast nicht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3679\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661-200x150.jpeg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661-400x300.jpeg 400w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/63D60EE3-E167-4BFB-8C52-025595D7278D-e1508081358661-768x576.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die zweite verwertbare Quelle im Netz, ebenfalls aus der <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/landesdenkmalamt\/denkmale\/liste-karte-datenbank\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09040479\">Denkmalliste<\/a>, f\u00fchrt zu einem Bau in Charlottenburg am <a href=\"https:\/\/www.google.de\/maps\/place\/Einsteinufer+69,+10587+Berlin\/@52.5186776,13.3198928,3a,75y,258.48h,94.71t\/data=!3m6!1e1!3m4!1spGIbtfGKtBFpir9jE9pBUw!2e0!7i13312!8i6656!4m5!3m4!1s0x47a851198916ab27:0xcd3ffacc6bee794b!8m2!3d52.5184!4d13.32011\">Einsteinufer 69ff.<\/a>, den Ludwig Spreitzer 1953 \u201eteilweise wiederaufgebaut\u201c hat. Interessanterweise stammt der neusachliche Ursprungsbau von 1931 von Richard Pardon, also einem der sp\u00e4ter auch am Grazer Damm Beteiligten.<\/p>\n<p>In dem schon erw\u00e4hnten <a href=\"https:\/\/www.reimer-mann-verlag.de\/controller.php?cmd=detail&amp;titelnummer=302786&amp;verlag=3\">Standardwerk von Michael Haben<\/a> finden sich noch zwei weitere Treffer: Ein Wohnblock auf einer Baul\u00fccke in der Charlottenburger Goethestra\u00dfe 10-11 (1939-41) sowie Kleinstwohnh\u00e4user am Unkeler Pfad in Frohnau f\u00fcr Bewag-Arbeiter.<\/p>\n<p>Eine im Faksimile wiedergegebene <a href=\"https:\/\/archiv.preussische-allgemeine.de\/1954\/1954_11_06_45.pdf\">Vertriebenen-Zeitung<\/a>\u00a0von 1954 weist schlie\u00dflich noch auf eine \u201eOstpreu\u00dfen-Siedlung\u201c von Spreitzer aus den fr\u00fchen F\u00fcnfzigerjahren zwischen Birkbuschstra\u00dfe und Dalandweg in Steglitz hin.<\/p>\n<p>Im Netz finden sich au\u00dferdem noch kaum lesbare Pl\u00e4ne f\u00fcr Lager in Guben; offenbar war Spreitzer auch mit der Planung von Zwangsarbeiter-Unterk\u00fcnften in der NS-Zeit betraut.<\/p>\n<p>In den einschl\u00e4gigen B\u00fcchern in meinem Schrank habe ich ansonsten nichts \u00fcber ihn gefunden, das soll als erster Befund reichen, um die Frage erneut aufzuwerfen: Wer war der Architekt Ludwig Spreitzer?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich Neujahr 1989 nach Westberlin kam, sagte man mir: Wir fangen alle in Neuk\u00f6lln an, aber wir wollen hier schnell weg \u2013 obwohl David Bowie &#8222;Neuk\u00f6ln&#8220; (sic!) schon in den fr\u00fchen Achtzigern besungen hatte. Heute ist Neuk\u00f6lln Hipster-Hochburg. 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