{"id":4751,"date":"2021-06-17T23:31:06","date_gmt":"2021-06-17T21:31:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=4751"},"modified":"2026-01-04T13:00:10","modified_gmt":"2026-01-04T12:00:10","slug":"papa-glaubst-du-an-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=4751","title":{"rendered":"\u201ePapa, glaubst du an Gott?\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Irgendwann musste sie ja kommen, die Gretchenfrage: \u201ePapa, glaubst du an Gott?\u201c fragte mich eine meiner T\u00f6chter im Alter von 14. Ich antwortete ihr mit einer Gegenfrage: \u201eKommt darauf an, wie du Gott definierst\u201c. Wir haben das damals nicht vertieft. Und die etwas komplexere Antwort habe ich hier aufgeschrieben.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_4816\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4816\" class=\"wp-image-4816\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-450x300.jpeg 450w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-200x133.jpeg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-768x512.jpeg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/A42F68F6-514C-4A1E-B18C-56489C186C3E-2048x1366.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4816\" class=\"wp-caption-text\">Die dunkle Seite der Macht: Die Nordseite der neugotischen St.-Laurentius-Kirche in Essen-Steele war f\u00fcr mich schon als Kind immer d\u00fcster und feucht. Foto: Wikipedia, CC BY-SA 2.0<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Ethik<\/strong><\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Wanderprediger Jesus von Nazareth hat vor 2000 Jahren ein ganz erstaunliches ethisches Konzept entworfen und vertreten, das ich sehr unterst\u00fctzenswert finde: Liebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst; halte auch noch die andere Wange hin; was ihr euren N\u00e4chsten getan habt, das habt ihr auch mir getan; selig sind die Friedfertigen. Solche Sachen halt \u2013 eine menschenfreundliche, gemeinwohlorientierte, tendenziell pazifistische und sozial emphatische Agenda.<\/p>\n<p>Bezogen auf die aktuelle politische Situation finde ich das Konzept der N\u00e4chstenliebe jedenfalls \u00fcberzeugender als das Konzept des Fremdenhasses. Das ist ein ganz gro\u00dfes Plus des Christentums in der heutigen Gesellschaft angesichts einer in den Parlamenten vertretenen, abendl\u00e4ndisch selbsterregten Hassfraktion. Der Gr\u00fcnen-Co-Vorsitzende Robert Habeck hat mal sinngem\u00e4\u00df gesagt: \u201eIch bin nicht gl\u00e4ubig, aber in bin in der Kirche, aus Gr\u00fcnden der gesellschaftlichen Solidarit\u00e4t.\u201c Das hat mir gefallen. (Nachtrag: Inzwischen habe ich gelesen, dass er aus der \u00a0evangelischen Kirche ausgetreten sei; das mindert aber nicht seine zitierte &#8218;\u00c4u\u00dferung.)<\/p>\n<p>Mehr zum organisierten Christentum, vulgo: zur Kirche, sp\u00e4ter; hier erstmal die selbstkritische Frage: Habe ich Jesus richtig verstanden?<\/p>\n<p><strong>2. Jesus<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber kaum eine Person der Weltgeschichte wurde so viel nachgedacht und ver\u00f6ffentlicht wie \u00fcber Jesus Christus. Unter Berufung auf ihn gibt es sowohl \u201eJesus People\u201c der Hippie-Bewegung als auch sektiererische Evangelikale in den USA und inzwischen auch in S\u00fcdamerika. Und nicht zuletzt st\u00fctzt sich eine der immer noch einflussreichsten Glaubensgemeinschaften der Welt, die katholische Kirche, auf ihn.<\/p>\n<p><i>Ich empfehle zu Jesus \u00fcbrigens ein kleines B\u00fcchlein des verstorbenen \u00f6sterreichischen Ex-Priesters Adolf Holl, \u201eJesus in schlechter Gesellschaft\u201c (dtv, antiquarisch f\u00fcr kleines Geld auf den einschl\u00e4gigen Plattformen zu beziehen).<\/i><\/p>\n<p>Wobei schon der Name des Mannes problematisch ist. Die meisten Leute glauben ja, dass \u201eJesus Christus\u201c eine Kombination aus Vor- und Nachname sei. Tats\u00e4chlich ist \u201eChristus\u201c ein Ehrentitel, der ihm erst nach seinem Tod verliehen wurde (\u201eder Gesalbte\u201c). Wer also \u201eJesus Christus\u201c sagt, trifft damit bereits eine Glaubensaussage. Neutral m\u00fcsste man ihn \u201eJesus\u201c nennen, ggfs. erweitert um seine geografische Herkunft, also \u201eJesus von Nazareth\u201c.<\/p>\n<p>Aber hat es Jesus tats\u00e4chlich gegeben, und woher wei\u00df man, was er wirklich gelehrt hat?<\/p>\n<p>Abgesehen von einer \u2013 als relevant bewerteten Quelle \u2013 des neutralen r\u00f6mischen Geschichtsschreibers Plinius gibt es ansonsten nur eine interne kirchliche Quellenlage: die Evangelien der Bibel, die als kanonisch anerkannt wurden. Allerdings wurden keine anderen antiken Texte so genau untersucht wie die vier Evangelien und die Briefe des Neuen Testaments. Darum hat sich seit Rudolf Bultmann eine Kohorte von Theologen gek\u00fcmmert, die den Wissenschaftszweig der \u201ehistorisch-kritischen Exegese\u201c begr\u00fcndet hat. Mit Methoden der vergleichenden Textkritik versuchen sie, bestehende Texte auf ihre Quellen zur\u00fcckzuf\u00fchren \u2013 und damit ihre historische Plausibilit\u00e4t, oder einfacher: ihre Echtheit zu belegen.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr Gl\u00e4ubige, die jeden Bibeltext als direkt von Gott stammend verstehen, schwer zu ertragen. Aber die historisch-kritische Exegese wird sp\u00e4testens seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1961 bis 1965) auch von der katholischen Kirche anerkannt und seitdem an theologischen Fakult\u00e4ten und im Religionsunterricht gelehrt.<\/p>\n<p>Die Exegeten unterscheiden zwischen authentischen Worten des \u201ehistorischen Jesus\u201c und sp\u00e4teren Hinzuf\u00fcgungen. Dazu muss man wissen, dass alle Texte der Evangelien viele Jahrzehnte nach der Lebenszeit von Jesus verfasst wurden. Keiner der Evangelisten Matth\u00e4us, Markus, Lukas und Johannes hat Jesus pers\u00f6nlich erlebt oder gekannt. Aber sie sch\u00f6pfen teilweise aus (heute verlorenen) \u00e4lteren Quellen. All das l\u00e4sst sich durch akribische Textkritik nachweisen. Manche sagen, dass die Exegese die einzige wissenschaftlich legitimierte Teildisziplin der Theologie sei\u2026<\/p>\n<p>Man wird wohl der intellektuellen Redlichkeit keinen Tort antun, wenn man die oben bereits skizzierten zentralen Botschaften des Jesus von Nazareth als historisch authentisch bewertet. Dessen ethisches Konzept, das der Verfasser des Matth\u00e4us-Evangeliums in der so genannten Bergpredigt verdichtet zusammenredigiert hat, \u00a0halte ich f\u00fcr wertvoll und tragf\u00e4hig.<\/p>\n<p><b>3. Gott<\/b><\/p>\n<p>Eine andere Dimension erreicht die Betrachtung aber, sobald Transzendentes ins Spiel kommt. Die Kirche h\u00e4lt Jesus ja nicht nur f\u00fcr den Stichwortgeber einer zeitlosen Ethik, sondern f\u00fcr den \u201eSohn Gottes\u201c. Diese Vorstellung steht in der j\u00fcdischen Tradition der Erwartung eines irgendwann auftretenden \u201eMessias\u201c, die von den Autoren des Neuen Testaments gezielt bedient wurde. Der historische Jesus hat sich jedenfalls selbst nachweislich nicht in dieser Rolle gesehen.<\/p>\n<p>Die Legitimation der Gottessohnschaft leitet die Kirche vielmehr \u00fcber das Narrativ der \u00f6sterlichen Auferstehung Jesu nach seinem Tod am Kreuz ab.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDeinen Tod, oh Herr, verk\u00fcnden wir, deine Auferstehung preisen wir, bist du kommst in Herrlichkeit\u201c.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses \u201eGeheimnis des Glaubens\u201c kennt jeder Katholik auswendig aus dem Gottesdienst-Ritual. Nur gibt es keinerlei Beweise f\u00fcr diese Auferstehung von den Toten, und selbst die Autoren der Evangelien legen sich keineswegs so eindeutig fest, wie die Kirche das gerne darstellt, vgl. dazu einen verbl\u00fcffenden <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/2020\/16\/ostergeschichte-auferstehung-jesus-bibel\/komplettansicht\">Text aus dem Zeit-Magazin<\/a>. Darin hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Auch in der Bibel selbst werden also Stimmen laut, die das Ostergeschehen in Zweifel ziehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Auferstehung kann also durchaus, wie viele andere biblische Erz\u00e4hlungen auch, als symbolisch oder metaphorisch gedeutet werden. Schlie\u00dflich richtete sich die Bibel an eine bildergl\u00e4ubige, agrarisch gepr\u00e4gte antike Zielgruppe, nicht an aufgekl\u00e4rte moderne Intellektuelle.<\/p>\n<p>Nebenbei: Ausgerechnet die sonst so liberale evangelische Kirche hat einen Theologieprofessor, Gerd L\u00fcdemann, fallen gelassen, weil dieser die Auferstehung aufgrund der biblischen Quellen fundiert bezweifelt hatte.<\/p>\n<p>Die Auferstehung Jesu als historisches Faktum muss also als unbelegt angesehen werden.<\/p>\n<p>Und bis hierhin habe ich noch gar nichts \u00fcber die Idee eines &#8222;allm\u00e4chtigen Gottes&#8220; gesagt. Das macht noch einmal ein neues Fass auf.<\/p>\n<p>Die Vorstellung eines personales Wesens, das per Gebet pers\u00f6nlich angesprochen werden kann, daraufhin gezielt in unsere Welt eingreift und quasi per Zauberkraft Fu\u00dfballtore schie\u00dft oder Krankheiten heilt \u2013 eine solche Vorstellung (Theismus) ist mit einem naturwissenschaftlich-kausalen Weltverst\u00e4ndnis nicht vereinbar. Daher habe ich mich von diesem Gottesbild der Volksfr\u00f6mmigkeit bereits als Jugendlicher verabschiedet. Dem widersprechen auch nicht individuelle Glaubenserfahrungen, die manche Menschen gemacht haben (wollen). Ich jedenfalls halte es eher mit dem griechischen Philospohen Epikur, der ein g\u00f6ttliches Eingreifen in das Weltgeschehen verneint hat.<\/p>\n<p>Originell die Anekdote des britischen Autors Richard Dawkins, der sich an einem evangelikalen amerikanischen Publikum abarbeitet: Auf die Frage, was er sagen werde, wenn er nach seinem Tod wider Erwarten doch Gott begegnet, werde er antworteten: \u201eWelcher Gott bist du? Baal?\u201c (Baal galt in der j\u00fcdisch-christlichen Tradition als ein \u201eheidnischer G\u00f6tze\u201c). \u201eOder Jahwe?\u201c (Jahwe ist der hebr\u00e4ische Name des Gottes des Alten Testaments.)<\/p>\n<p>Diesen Gedanken verfolgt auch Martin Ebert, der im Magazin der S\u00fcddeutschen Zeitung Nr. 37 vom 15. September 2023 eine \u00e4hnliche Argumentation verfolgt:<\/p>\n<div class=\"margin\">\n<div class=\"indent changeSize change1 justText\">\n<blockquote>\n<div><span class=\"LT\">Ricky Gervais, britischer Komiker und erkl\u00e4rter Atheist, schreibt in einem Essay im <\/span><span class=\"LT-i\">Wall Street Journal,<\/span><span class=\"LT\"> dass Historiker alle \u00fcbernat\u00fcrlichen Wesen gez\u00e4hlt haben, von denen seit der ersten Verschriftlichung der Menschheitsgeschichte vor etwa 6000 Jahren durch die Sumerer erz\u00e4hlt wurde. Sie kamen demnach auf 3700 Wesen, von denen 2870 als Gottheiten gelten k\u00f6nnen. \u00bbWenn mir das n\u00e4chste Mal jemand erz\u00e4hlt, dass er an Gott glaube, frage ich: An welchen? Zeus? Hades? Jupiter? Mars? Odin? Thor? Krishna? Vishnu? Ra? \u2026 Wenn sie dann sagen, dass sie <\/span><span class=\"LT-i\">nur an Gott <\/span><span class=\"LT\">glauben,<\/span><span class=\"LT-i\"> an den einen Gott,<\/span><span class=\"LT\"> werde ich sie darauf hinweisen, dass sie fast so atheistisch sind wie ich. Ich glaube nicht an 2870 G\u00f6tter, und sie glauben nicht an 2869.<\/span><\/div>\n<\/blockquote>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daraus folgt meine nicht allzu komplexe Erkenntnis: Religionen sind Erfindungen von Menschen, denn anders l\u00e4sst sich die jahrtausendelange weltweite Religionsgeschichte nicht erkl\u00e4ren. Die Menschen haben ihnen unerkl\u00e4rliche Ph\u00e4nomene, von Unwettern und Sonnenfinsternissen \u00fcber Krankheiten und Todesf\u00e4lle bis hin zu Seuchen und Kriegen, nicht einordnen und verstehen k\u00f6nnen und daher dahinterstehende, \u00fcbersinnliche M\u00e4chte daf\u00fcr verantwortlich gemacht. Dies geschah in verschiedenen Epochen und Kulturtraditionen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen, und so gab und gibt es in der Welt so viele verschiedene Religionen und G\u00f6tter, dass keine davon einen \u00fcbergeordneten absoluten Wahrheitsanspruch beanspruchen kann. Denn warum sollte ausgerechnet die Religion \u201ewahr\u201c sein, in die ich zuf\u00e4llig hineingeboren wurde?<\/p>\n<p>Diese simple Erkenntnis m\u00fcsste eigentlich jedem aufgeweckten Grundsch\u00fcler einleuchten. Trotzdem diskutieren hochm\u00f6gende Theologen jahrzehntelang \u00fcber Spezial-Themen wie Rechtfertigung (z.B. K\u00fcng, der damit den Widerspruch zwischen Katholiken und Protestanten aufgel\u00f6st haben will, wof\u00fcr ihm \u2013 unter anderem \u2013 dann sp\u00e4ter von der katholischen Seite die Lehrbefugnis entzogen wurde).<\/p>\n<p>Zur Gottesfrage muss dann auch noch kurz die zentrale Frage angesprochen werden, die man als das &#8222;Theodizee&#8220;-Problem bezeichnet: Wenn Gott allm\u00e4chtig ist, warum l\u00e4sst er dann das Leid zu? Warum hat er den Holocaust nicht verhindert, warum l\u00e4sst er zu, dass Kinder an Krebs sterben? Die Religi\u00f6sen sagen: Erst der Glaube erm\u00f6glicht es den Menschen, mit solchen Schicksalsschl\u00e4gen umzugehen. Das muss man sich also so vorstellen: Gott ist allm\u00e4chtig und g\u00fctig. Doch wenn er seine Allmacht und G\u00fcte nicht dazu nutzt, gerechte Verh\u00e4ltnisse herzustellen, dann bleibt uns nur, auf seine Allmacht und G\u00fcte zu hoffen. Ein krasser logischer Zirkelschluss. Theodizee ist und bleibt der zentrale Beweis, dass es keinen Gott gibt, der gleichzeitig allm\u00e4chtig und g\u00fctig ist.<\/p>\n<p>So beruhen die Gottesbeweise der Gl\u00e4ubigen stets auf der logischen Figur des &#8222;Beweises durch Behauptung&#8220;. Auff\u00e4llig ist jedenfalls, dass die behauptete M\u00e4chtigkeit Gottes im Laufe der Jahrhunderte immer weiter geschrumpft ist \u2013 in dem Ma\u00dfe, in dem Naturwissenschaften die Welt plausibler erkl\u00e4ren konnten.<\/p>\n<p>Dieser evidente Widerspruch hat ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhundert zu einer eigenen Literaturkategorie gef\u00fchrt, die ich als &#8222;popul\u00e4re moderne Dogmatik&#8220; bezeichne. Gemeint sind damit B\u00fccher von Theologen, die traditionelle Glaubensinhalte modern und liberal erkl\u00e4ren m\u00f6chten \u2013 und damit teilweise hohe Buchauflagen erreichen. Im protestantischen Bereich f\u00e4llt mir Heinz Zahrnt ein \u2013 zugegeben, ohne ihn gelesen zu haben \u2013, im katholischen Bereich vor allem der von mir als 16-J\u00e4hrigen sehr verehrte Hans K\u00fcng.<\/p>\n<p>Die Machart dieser Literaturgattung ist stets gleich: Die Leserin und der Leser werden mit ihren &#8222;modernen&#8220; und &#8222;skeptischen&#8220; Fragestellungen im Anriss jedes Kapitels abgeholt. Damit wird Vertrauen eingeworben, so dass die Leserin gar nicht merkt, dass die danach formulierten Glaubensweisheiten eben doch traditionell sind. Viele dieser Autoren befinden sich in einem beruflichen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis zu ihren Kirchen (der verstorbene K\u00fcng allerdings seit dem Entzug seiner Lehrbefugnis 1980 nicht; er war als Beamter des Landes Baden-W\u00fcrttemberg abgesichert). Den Hinweis auf die strukturelle Logik dieser Literaturgattung verdanke ich \u00fcbrigens Heinz-Werner Kubitza mit <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/shop\/religion-allgemein\/der-dogmenwahn\/kubitza-heinz-werner\/products_products\/detail\/prod_id\/41691812\/\">Der Dogmenwahn<\/a> \u2013 einem Buch eines abtr\u00fcnnigen protestantischen Theologen, das er im Eigenverlag herausgebracht hat. Eine kluge Demontage vor allem meines Jugendhelden Hans K\u00fcng leistet Franz Buggle mit <a href=\"https:\/\/www.alibri.de\/Shop\/Produktdetail\/ProductID\/809\">\u201eDenn sie wissen nicht, was sie glauben\u201c.<\/a>\u00a0Da hei\u00dft es zusammenfassend \u00fcber K\u00fcng:<\/p>\n<blockquote><p>(Auch er nimmt) prinzipiell zu den \u00fcblichen Strategien moderner Theologie Zuflucht, Unhaltbares als auch heute noch vertretbar (&#8230;) erscheinen zu lassen, wenngleich er differenzierter vorgeht, als dies durchschnittlich in der kirchlichen (&#8230;) apologetischen Literatur geschieht. Dies kann allerdings leicht zu der T\u00e4uschung f\u00fchren, mit der (&#8230;) Artikulation solcher Einw\u00e4nde seien diese auch schon befriedigend beantwortet bzw. widerlegt (&#8230;).<\/p><\/blockquote>\n<p>Zur Gottesfrage abschlie\u00dfend: Ich bin nicht so anma\u00dfend, alles zu wissen. So kann ich nicht ausschlie\u00dfen, dass es eine \u00fcbergeordnete Instanz gibt. Aber an einen \u201eallm\u00e4chtigen Gott, den Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde\u201c (Credo) glauben zu sollen, wie es die traditionelle Theologie festlegt, ist unplausibel. Somit sehe ich mich als Agnostiker: Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df (Sokrates). \u201eDie M\u00f6glichkeit der Existenz transzendenter Wesen oder Prinzipien wird nicht bestritten. Agnostizismus ist sowohl mit Theismus als auch mit Atheismus vereinbar\u201c (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Agnostizismus\">Wikipedia<\/a>).<\/p>\n<p><b>4. Kirche<\/b><\/p>\n<p>Die Exegeten sind sich einig: Jesus war ein j\u00fcdischer Reformprediger, aber er hat keine Kirche gegr\u00fcndet und erst recht keine Weltreligion stiften wollen. Die katholische Kirche ist vielmehr eine Erfindung des untergehenden R\u00f6mischen Reichs, das im 4. Jahrhundert zur Selbstlegitimation eine bislang unbedeutende und verfolgte Sekte zur Staatsreligion erhoben hat. Aus dieser Zeit r\u00fchrt die ganze Crux des Katholizismus mit all seinen Dogmen, seinen undemokratischen Strukturen und seiner patriarchalischen, menschenfeindlichen Macht-Anma\u00dfung. Der besch\u00e4mende Umgang des kirchlichen Apparats mit dem allgegenw\u00e4rtigen sexuellen Missbrauch heute erkl\u00e4rt sich aus diesen Strukturen. Doch gehe ich auf diese Thema hier nicht weiter ein, da es in den Medien zu Recht schon sehr pr\u00e4sent ist.<\/p>\n<p>Nur das: In einer sehr differenzierten Reportage \u00fcber den emeritierten Papst Ratzinger hie\u00df es im <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/ausland\/papst-benedikt-und-der-missbrauchsskandal-die-kirche-hat-ihre-glaubwuerdigkeit-komplett-verloren-a-b23e55c0-75f8-460b-93d3-6005cc2714b8\">Spiegel<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Man muss sich das klarmachen: In der traditionellen katholischen Ethik ist die Entweihung einer Hostie schlimmer als der sexuelle Missbrauch eines Kindes. (&#8230;) Denn die Hostie ist der tats\u00e4chliche Leib Christi. Ein Schabernack mit einer Oblate ist Gottesl\u00e4sterung, Missbrauch eines Minderj\u00e4hrigen aber ist nur ein Unrecht, das einem Menschenkind angetan wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>So etwas macht jeden denkenden und f\u00fchlenden Menschen sprachlos.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Kirchenfrage: Sorry, liebe Protestanten, ich sehe auch in der lutherischen Reformation keinen wesentlichen Anhaltspunkt zur Besserung der Zust\u00e4nde. Zwar wurden etliche Z\u00f6pfe abgeschnitten wie das \u00fcberbordende materialistische Ablasswesen oder der faktische Primat der Tradition vor der Schrift, aber letztlich waren auch die Kirchen der Reformation Akteure in Religionskriegen wie dem 30-j\u00e4hrigen Krieg und feudalen Machtstrukturen (cuius regio, eius religio). Zudem f\u00fchren die heutigen \u201emoderneren\u201c Strukturen bei den EKD-Kirchen hierzulande auch nicht zu einem begeisterteren Zuspruch der Massen als bei den Katholiken. Und anderenorts sind es gerade Kirchen und Sekten in protestantischer Tradition, die in den USA oder in Lateinamerika korrupte und faschistische Strukturen preisen und predigen. Und seit Martin Luthers (zeitbedingte) Judenfeindlichkeit zu Recht thematisiert wird, taugt der Mann auch nicht mehr zur Lichtgestalt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Katholizismus: In den nunmehr 45 Jahren, in denen ich das aus eigenem Erleben \u00fcberblicken kann, hat die katholische Kirche s\u00e4mtliche Reformbestrebungen behindert und ausgehebelt. Sie hat ausgerechnet ihre besten Leute rausgeschmissen oder mit Lehrverboten belegt. Sie hat den Geist des 2. Vatikanums wieder eingesperrt, statt das Fenster des Johannes XXIII. offen zu halten. Sie hat die Ergebnisse der W\u00fcrzburger Synode (deren Abschlussgottesdienst ich 1975 als Elfj\u00e4hriger im Fernsehen gesehen habe) ignoriert. Viele gutwillige und engagierte Kirchenmitglieder sehen sich ausgebremst und verzweifeln an den Strukturen. Austrittswellen wie in K\u00f6ln derzeit besch\u00e4digen das Fundament irreparabel. Gleichzeitig p\u00f6belt eine konservative Minderheit in den (sozialen) Medien aggressiv f\u00fcr ein traditionalistisches Kirchenbild.<\/p>\n<p>Deren Argument, dass sich die Kirche nicht dem &#8222;Zeitgeist&#8220; \u00f6ffnen d\u00fcrfe, weil sie &#8222;ewige&#8220; Glaubenswahrheiten verk\u00fcnde, kann ganz leicht entgegengehalten werden, dass die Kirche in guter katholischer Tradition als &#8222;ecclesia semper reformanda&#8220; (dt.: Kirche, die sich immer reformieren muss) angelegt ist &#8211; und sich auch stets gewandelt hat. Kreuzz\u00fcge und Hexenverbrennungen werden auch konservative Hardliner nicht mehr als Markenkern des Katholizismus verkaufen wollen.<\/p>\n<p>Warum bin ich also immer noch Mitglied in der Kirche? In meiner Generation der Babyboomer ist die Biografie \u201eerst Messdiener, sp\u00e4ter Kirchenaustritt\u201c eher die Regel als die Ausnahme, zumindest in meinen Kreisen. Doch Austritt erschien mir immer als zu einfach. Kirche ist auch ein in der eigenen Kindheit angelegtes Heimatgef\u00fchl (auch wenn es angesichts monstr\u00f6ser Pfarrei-Zusammenlegungen und Kirchengeb\u00e4ude-Entwidmungen schwer f\u00e4llt, diese Heimat noch zu verorten). Ich habe bisher immer das weite Dach einer Volkskirche verteidigt, unter dem verschiedene Str\u00f6mungen ihren Platz haben. Das Hineingeborensein in eine kirchliche Gemeinschaft ist eine Last, aber auch eine Verpflichtung.<\/p>\n<p>Als junger Mensch hatte ich ernsthaft erwogen, Theologie zu studieren, um die Kirche von innen zu ver\u00e4ndern. Ausgerechnet ein katholischer Priester riet mir von diesem Hazard ab. Sp\u00e4ter habe ich dann die Koppelung von Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuerzahlung in Frage gestellt. Ich wollte \u00fcber die Verwendung meines Geldes selbst bestimmen, ohne \u201eauszutreten\u201c. Das Erzbistum Berlin beschied mir in einer geradezu jesuitisch anmutenden Antwort, dass eine Erkl\u00e4rung vor dem Amtsgericht, die Kirchensteuer nicht mehr zahlen zu wollen, von der Kirche als meine Willens\u00e4u\u00dferung zum Austritt ernst genommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Journalistin Christiane Florin hat k\u00fcrzlich mit einem kleinen <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Paperback\/Trotzdem\/Christiane-Florin\/Koesel\/e564580.rhd\">B\u00fcchlein<\/a>, eher einem verzweifelt-w\u00fctenden Essay, die Gem\u00fctslage der entt\u00e4uschten reformorientierten Kirchenmitglieder auf den Punkt gebracht: \u201eTrotzdem. Wie ich versuche, katholisch zu bleiben\u201c (<a href=\"https:\/\/content.penguinrandomhouse.de\/content\/edition\/excerpts\/831965.pdf\">Leseprobe hier<\/a>). Darin hei\u00dft es: \u201eDie Spitzen dieser Institution hat alle moralischen Ma\u00dfst\u00e4be verr\u00fcckt. Sie hat das Harmlose kriminalisiert [gemeint ist das Festhalten an der traditionellen katholischen Sexualmoral] und das Kriminelle verharmlost\u201c [gemeint ist der Umgang mit der sexualisierten Gewalt von Priestern gegen\u00fcber Kindern]. Die Verlagswerbung zitiert dazu den K\u00f6lner Stadt-Anzeiger: \u201eKeine Durchhalteparole, keine Beschwichtigung \u2013 sondern ein Appell zur Ungeduld.\u201c<\/p>\n<p>Die Ungeduld habe ich mir inzwischen allerdings abgew\u00f6hnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwann musste sie ja kommen, die Gretchenfrage: \u201ePapa, glaubst du an Gott?\u201c fragte mich eine meiner T\u00f6chter im Alter von 14. Ich antwortete ihr mit einer Gegenfrage: \u201eKommt darauf an, wie du Gott definierst\u201c. Wir haben das damals nicht vertieft. Und die etwas komplexere Antwort habe ich hier aufgeschrieben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,15],"tags":[57,56,55],"class_list":["post-4751","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-gesellschaft-und-politik","tag-christentum","tag-glaube","tag-gott"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4751"}],"version-history":[{"count":105,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7380,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4751\/revisions\/7380"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4751"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4751"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4751"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}