{"id":4871,"date":"2022-01-22T22:37:33","date_gmt":"2022-01-22T21:37:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=4871"},"modified":"2022-01-22T23:05:38","modified_gmt":"2022-01-22T22:05:38","slug":"buchrezension-endstation-groessenwahn-die-sanierung-von-essen-steele-1998","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=4871","title":{"rendered":"Buchrezension: Endstation Gr\u00f6\u00dfenwahn: Die \u201eSanierung\u201c von Essen-Steele (1998)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das historisch bedeutende Ruhrgebiets-St\u00e4dtchen Steele ist 1929 zu Essen eingemeindet worden. Kaum kriegszerst\u00f6rt, ist dort in den 1970er Jahren eine so genannte \u201eSanierung\u201c aus dem Ruder gelaufen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein unglaublich verdienstvolles Buch von 1998 hat die politischen und sozialen Hintergr\u00fcnde dieser weitgehend sinnlosen Zerst\u00f6rungen akribisch aufgearbeitet.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/A4BA92C4-D7BD-4EF3-9BA3-DB27434BB261.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-5070 size-full\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/A4BA92C4-D7BD-4EF3-9BA3-DB27434BB261.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/A4BA92C4-D7BD-4EF3-9BA3-DB27434BB261.jpeg 300w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/A4BA92C4-D7BD-4EF3-9BA3-DB27434BB261-211x300.jpeg 211w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/A4BA92C4-D7BD-4EF3-9BA3-DB27434BB261-106x150.jpeg 106w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gut 50% der \u201eHauptgeb\u00e4ude\u201c in Steele wurden abgerissen, die B\u00fcrger lebten jahrelang in einem Tr\u00fcmmerszenario wie im Krieg, und was heute noch von der historischen Stadt \u00fcbrig ist, wird umzingelt von unwirtlichen sechsspurigen Trassen der \u201eautogerechten Stadt\u201c.\u00a0<em>Reportedly<\/em> (um das anklagende deutsche Wort \u201eangeblich\u201c zu vermeiden) war Steele eine der zehn Hotspots der \u201eFl\u00e4chensanierung\u201c in der Bundesrepublik und in West-Berlin.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Lieber Tim Schanetzky,<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">eigentlich wollte ich Ihr Buch ja selbst schreiben. Naja, nicht das ganze Buch, aber immerhin die Schlussfolgerungen daraus. Zum Beispiel, dass Lokalpolitiker der SPD die gr\u00fcnderzeitlichen Fassaden deswegen abrei\u00dfen wollten, weil sie diese h\u00e4sslich fanden (und nicht, weil dahinter empirisch nachweisbare prek\u00e4re sanit\u00e4re Verh\u00e4ltnisse bestanden h\u00e4tten, wie immer behauptet wurde, was Sie aber widerlegt haben).<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Jedenfalls hatte ich geplant, die Skandalgeschichte der \u201eSanierung\u201c meiner damaligen Heimat im Rahmen meines sp\u00e4teren Architekturstudiums in den 1980er Jahren in Braunschweig im Fach St\u00e4dtebau einzureichen. Ein Gl\u00fcck, dass ich das nicht begonnen habe, denn die unfassbare Materialf\u00fclle, die Sie gesichtet und ausgewertet haben, h\u00e4tte die M\u00f6glichkeiten meiner Seminararbeit sehr deutlich \u00fcberschritten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Autobiografischer R\u00fcckblick: Ich bin als vierj\u00e4hriges Kind 1968 mit meiner Familie nach Steele gezogen und als 15-j\u00e4hriger Teenager Ende 1979 dort wieder weggezogen. In diese Zeit fiel die Sanierung mit ihren verst\u00f6renden Abriss-Erfahrungen. \u201eMama, rei\u00dfen die unser Haus auch ab?\u201c, fragte ich bang. Nun, diese Gefahr bestand nicht, da wir in einer herrlichen Mietwohnung in\u00a0der Schn\u00fctgenstra\u00dfe am Steeler Stadtgarten wohnten \u2013 in einer privilegierten Wohnsituation weit au\u00dferhalb (und topografisch oberhalb) des Sanierungsgebietes.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Verkehrssituation in Steele vor der Sanierung war tats\u00e4chlich schwierig: Busse und Stra\u00dfenbahnen qu\u00e4lten sich durch die einspurige Hansastra\u00dfe. Als Kind habe ich dort die Autoabgase kaum ertragen k\u00f6nnen, da half auch die geschenkte Wurstscheibe des Metzgers nicht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Als Fahrsch\u00fcler, der ab 1974 mit der S-Bahn von Steele zum Essener Hauptbahnhof fuhr, habe ich die Transformation des Steeler Verkehrsplatzes in allen Etappen erlebt: Der gem\u00fctliche historische Bahnhof Steele-West vor Blumenrabatten wich einem jahrelangen Provisorium. Bagger von O&amp;K und Hublader von Caterpillar haben einen ganzen Berg abgetragen und einen neuen Nahverkehrs-<i>Hub<\/i> zwischen S-Bahn, Bus und Stra\u00dfenbahn erm\u00f6glicht. Die daf\u00fcr geschaffenen Pavillons sind heute allerdings auch schon wieder erneuert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das Warenhaus Wertheim, dessen Entstehungsgeschichte (\u201eKufus-Skandal\u201c) Sie ja anschaulich beschreiben, wurde von uns ganz normal benutzt. Meine Mutter kaufte damals Namens-T-Shirts, bei denen mit Rubbelbuchstaben der Vorname des Tr\u00e4gers aufgeb\u00fcgelt wurde. F\u00fcnf Mark, f\u00fcr T-Shirt und Buchstaben. Auch mein erstes Fahrrad wurde dort gekauft.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Vor der Sanierung hatten wir unsere Salamander-Kinderschuhe im Schuhhaus Engelien in der Humannstra\u00dfe gekauft, das gr\u00fcnderzeitliche Haus wurde dann zugunsten des schon beim Bau sinnlosen Wertheim-Parkhauses abgerissen. Ich kenne keinen Steelenser, der jemals in diesem Parkhaus geparkt h\u00e4tte. Sowieso:\u00a0Wertheim in Steele ist seit 1979 schon wieder Geschichte, auch das legen Sie faktenreich dar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">So k\u00f6nnte ich unendlich weiter pers\u00f6nliche Anekdoten und Erlebnisse beisteuern, nur: Diese lieferten keinen weiteren Erkenntnisgewinn. Deshalb noch einmal zum Grunds\u00e4tzlichen:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Sie, lieber Tim Scharnatzky, haben an einem markanten Fallbeispiel die Widerspr\u00fcche der so genannten \u201eFl\u00e4chensanierung\u201c vorgef\u00fchrt. Diese Ideologie war in den 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren fachliches Allgemeingut. Sie speiste sich aus der Tradition der klassischen Moderne der 1920er Jahre: \u201eLicht, Luft und Sonne\u201c statt dunkle Hinterh\u00f6fe; \u201eGegliederte und aufgelockerte Stadt\u201c statt \u201eKorridorstra\u00dfen\u201c. Auch die kunsthistorische Verachtung der Architektursprache des 19. Jahrhunderts spielte dabei eine gro\u00dfe Rolle. Und: Im Zustand 1970 waren viele dieser Bauten, die damals 70, 80 Jahre alt und niemals gepflegt worden waren, tats\u00e4chlich unansehnlich, zumal im verru\u00dften Ruhrgebiet. \u201eFortschrittliche\u201c Stadtplaner lehnten diese Bauten aus sozialhygienischen Gr\u00fcnden ebenso ab wie b\u00fcrgerliche \u00c4stheten aus formalen, auch wenn Siedler fr\u00fch die \u201eGemordete Stadt\u201c beklagte. Nun kam au\u00dferdem noch eine uninformierte Riege aus Lokalpolitikern hinzu, die ebenfalls aus sozialpolitischen Gr\u00fcnden eine \u201eSanierung\u201c wollte und sich f\u00fcr Mobilit\u00e4tsl\u00f6sungen im Sinne der \u201eautogerechten Stadt\u201c feiern lie\u00df. Ohne es zu merken oder zu wissen, verlie\u00dfen diese Entscheider damit allerdings die sozial und k\u00fcnstlerisch avantgardistischen Ideale der klassischen Moderne und lieferten ihre St\u00e4dte einem renditeorientierten Bauwirtschaftsfunktionalismus aus, der mit der Tabula-Rasa-Ideologie riesige Gewinne realisieren konnte \u2013 gef\u00f6rdert aus \u00f6ffentlichen St\u00e4dtebaumitteln. Eine Win-Win-Situation f\u00fcr die Kulturfernen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Sie haben meiner \u2013 als Kind gef\u00fchlten und als Architekturstudent gefestigten \u2013 Ablehnung der \u201eSanierung\u201c von Essen-Steele ein monumentales Werk gewidmet, f\u00fcr das ich Ihnen auch viele Jahre sp\u00e4ter noch danken m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ihr<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Benedikt Hotze<\/p>\n<p><span style=\"font-weight: normal;\">Schanetzky, Tim:<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: normal;\">Endstation Gr\u00f6\u00dfenwahn &#8211; Die Geschichte der Stadtsanierung in Essen-Steele &#8211; Taschenbuch<br \/>\n<\/span><span style=\"font-weight: normal;\">2008, ISBN: 383750025X<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das historisch bedeutende Ruhrgebiets-St\u00e4dtchen Steele ist 1929 zu Essen eingemeindet worden. 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