{"id":578,"date":"2011-03-10T16:27:47","date_gmt":"2011-03-10T15:27:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=578"},"modified":"2012-06-25T01:24:19","modified_gmt":"2012-06-24T23:24:19","slug":"gesinnung-lasst-sich-nicht-an-den-formen-ablesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=578","title":{"rendered":"Hartmut Frank: Gesinnung l\u00e4sst sich nicht an den Formen ablesen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview mit dem Hamburger Architekturtheoretiker Hartmut Frank<\/strong><\/p>\n<p>Drau\u00dfen ein glei\u00dfend heller Wintertag, drinnen dunkel vert\u00e4felte W\u00e4nde und knarzende Dielen.<strong> <\/strong>Die Hafencity-Universit\u00e4t Hamburg verabschiedet ihren Architekturtheoretiker Hartmut Frank mit einem akademischen Symposium in der ehrw\u00fcrdigen Hamburger Warburg-Bibliothek. Titel: \u201eDie Sprachen der Steine\u201c. Es treten auf<strong>: <\/strong>Jean-Louis Cohen mit Erinnerungen an eine franz\u00f6sische Wohnbautagung in Grenoble 1973. Marco Pogacnik, der atemlos der Frage nachgeht, ob Adolf Loos \u00fcberhaupt der Urheber des Loos-Hauses in Wien ist. Bruno Reichlin, der den \u201egl\u00fchenden Faschisten\u201c Luigi Moretti vorstellt und dabei nicht weiter von Faschismus, sondern haupts\u00e4chlich von Musik und Barock spricht. Wolfgang Voigt, der an den Traditionalisten Paul Schmitthenner erinnert, und schlie\u00dflich Hartmut Frank himself, der mit angenehmer Selbstdistanz sein akademisches Leben Revue passieren l\u00e4sst. In der Nachschau f\u00fcgen sich diese teils bizarren Splitter zu einem Ganzen: Wir haben hier soeben ein internationales Netzwerk von Forschern erlebt, die in den achtziger Jahren eine gemeinsame These aufbrachten. Sie ist inzwischen l\u00e4ngst Allgemeingut und lautet etwa so: Es gibt keine faschistische Architektur. Oder allgemeiner: Die Form kann nicht die Gesinnung wiederspiegeln. Hartmut Frank erl\u00e4utert das im Interview&#8230;<a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=582\" rel=\"attachment wp-att-582\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-582 alignleft\" title=\"P1010500\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/P1010500.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/P1010500.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/P1010500-200x133.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/P1010500-449x300.jpg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><!--more--><br \/>\n<strong> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Benedikt Hotze:<\/strong> Einige Ihrer engsten akademischen Wegbegleiter haben an dem Symposium in Hamburg teilgenommen, das zu Ihrer Verabschiedung Ende Januar 2011 stattfand. Wie ist dieses informelle, internationale Netzwerk entstanden?<\/p>\n<p><strong>Hartmut Frank:<\/strong> Ich habe mich in den siebziger Jahren mit Stadt\u00f6konomie besch\u00e4ftigt, mit Themen wie Grundrente, Wohnungspolitik und Hypothekarkrediten. So kam ich in Kontakt mit einem Kreis um Manuel Castells und das eurokommunistisch ausgerichtete <em>Centre de Sociologie Urbaine<\/em> in Paris. Eine v\u00f6llig andere Szene als in Deutschland! Es gab internationale Tagungen in Italien oder in den USA, wo ich zum Beispiel mit Peter Marcuse von der <em>Columbia University<\/em> als Vertreter der amerikanischen intellektuellen Linken Kontakt bekam. Parallel habe ich \u00fcber Franco Stella, der von Venedig aus Kontakte nach Weimar hatte und eigentlich viel lieber in Westberlin war, andere Italiener kennengelernt. Marino Folin, der das KPI-nahe<em> Istituto Gramsci<\/em> leitete, lud mich zu einer Tagung \u201e<em>La casa<\/em><em> e la sinistra europea<\/em>\u201c \u00fcber Wohnungsbau und die europ\u00e4ische Linke ein. Ich habe dort \u00fcber die Kontinuit\u00e4t der Wohnungspolitik von der Weimarer Republik ins Dritte Reich gesprochen \u2013 ein skandal\u00f6ses Sakrileg damals! \u2013 und geriet dadurch in eine direkte Kontroverse mit den Historikern um Manfredo Tafuri.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Tafuri scheint \u00fcberhaupt eine zentrale Rolle zu spielen?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Es gab damals nur zwei nennenswerte Orte, an denen eine Architekturgeschichts-Forschung betrieben wurde, die nicht blo\u00df reine Kunstgeschichte war: An der ETH Z\u00fcrich hatte Adolf Max Vogt 1968 ein Institut gegr\u00fcndet, das heute <em>gta<\/em> hei\u00dft, und im gleichen Jahr an der Universit\u00e4t Venedig Manfredo Tafuri sein Institut f\u00fcr Architekturgeschichte. Beide Forscher haben wiederum die amerikanische Debatten beeinflusst, zum Beispiel durch Aufs\u00e4tze in Peter Eisenmans Zeitschrift <em>Oppositions<\/em>. Hier sind ganz neue Theoriegeb\u00e4ude entwickelt worden, die in Deutschland noch lange nicht denkbar waren. Ich habe bis 1983 in Berlin gelebt, und meine dortige Wohnung wurde zu einer Art Konsulat von Tafuri. Mehrere seiner Mitarbeiter wie Marco de Michelis oder Ludovica Scarpa haben zeitweilig bei mir gewohnt. Durch die konkrete Auseinandersetzung mit ihnen wurden wir veranlasst, uns die so genannte traditionalistische Architektur von Tessenow oder Bonatz genauer anzusehen. Ganz konkret f\u00fchrten mich die Kontakte zur Tafuri-Schule zur\u00fcck zur Architektur.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Was war denn damals das Neue an Ihren Erkenntnissen?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Wir haben erkannt, dass man stilistische Zuschreibungen nach dem Motto \u201ewei\u00df, glatt, kubistisch gleich fortschrittlich\u201c begraben muss. Diese \u201eWiederspiegelungstheorie\u201c, nach der Gesinnung sich in den gebauten Formen ablesen lasse, war zuvor das vorherrschende Dogma gewesen. Wir haben uns dagegen schrittweise von einem politisch konnotierten Avantgardebegriff verabschiedet. Heute ist das Allgemeingut: Niemand regt sich mehr auf, wenn jemand funktionalistische Architektur im Dritten Reich beschreibt.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> War die Tagung \u00fcber \u201eFaschistische Architekturen\u201c, die Sie im Januar 1983 in Hamburg veranstaltet haben, so etwas wie der Gr\u00fcndungsmythos f\u00fcr dieses Netzwerk?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Nein, die Kontakte bestanden lange vorher, in Deutschland hinkte die Debatte allerdings hinterher. Man hatte Speers Architektur als nazistisch und die der Emigranten wie Mies oder Gropius als demokratisch oder gar sozialistisch festgeschrieben.Wenn Sie ein Gr\u00fcndungsereignis festmachen wollen, dann schon eher 1980 in Berlin die von der Neuen Gesellschaft f\u00fcr Bildende Kunst veranstaltete Ausstellung \u201eGrauzonen \u2013 Farbwelten\u201c, f\u00fcr die der leider fr\u00fch verstorbene Christian Borngr\u00e4ber die Design-Abteilung und ich die Architektur betreut hatten. Hier ging es erstmals um modernistische und traditionalistische Str\u00f6mungen im Nachkriegsdeutschland.<\/p>\n<p>In der Folge haben wir dann Architekten wie Bonatz, Schmitthenner, H\u00f6ger oder den f\u00fcr mich sehr wichtigen Fritz Schumacher untersucht, Arbeiten, die u.a. Lampugnanis Ausstellungszyklus zu<span style=\"text-decoration: line-through;\">r<\/span> Tradition und Fortschritt im Frankfurter Architekturmuseum stark beeinflussten. Die Folge waren konkrete Konflikte mit Nerdinger, Durth und einigen anderen, die damals noch sehr auf einer gemeinsamen Linie waren. Ich bin da in so manchen Fu\u00dfnoten als Faschist bezeichnet worden.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Wo stehen Sie denn politisch? Sind Sie noch ein Linker?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Es ist heute schwerer denn je, die Trennungslinien zu ziehen. Ich habe nie einer Partei angeh\u00f6rt, ich war freischwebender Marxist und habe mich immer n\u00e4her bei den italienischen oder franz\u00f6sischen Linken gesehen als in der deutschen K-Gruppen-Landschaft. Ich w\u00fcrde mich schon als Linker verorten, aber die \u00dcberzeugungen Mancher der Siebziger habe ich nie geteilt.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Sie sprechen von den \u201eSprachen der Steine\u201c. K\u00f6nnen Sie die zentrale These von Ihnen und Ihren Weggef\u00e4hrten zusammenfassen?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Die Zuschreibung von Inhalten zu Formen unterliegt historischen Konjunkturen. Die Steine sind da, die Formen sind da, aber sie sind nicht Tr\u00e4ger von Inhalten, allenfalls deren Reflektoren. Die Steine sprechen nicht, sie sind stumm. Aber die Menschen sprechen; es braucht ihre Erkl\u00e4rungen, um den Steinen Sinn einzuschreiben. <em>In initio verbum erat<\/em>, um die ersten Worte der Vulgata* zu zitieren: Im Anfang war das Wort.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Sie sind von der Hafencity-Universit\u00e4t (HCU) in Hamburg in Ehren emeritiert worden und haben dennoch kritische Worte \u00fcber diese neu gegr\u00fcndete Schule gefunden. Sie sprachen von einer \u201eFachhochschule mit neuem T\u00fcrschild\u201c. Was ist da los?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Die HCU ist ein Konglomerat, f\u00fcr das die Stadtplaner aus der TU Harburg, die Architekten aus der HfbK und die Architekten, Bauingenieure und Geod\u00e4ten aus der FH herausgenommen wurden. Eine Evaluation der Lehrkr\u00e4fte wie im Osten hat es dabei nicht gegeben. Dadurch haben wir eine gro\u00dfe Majorit\u00e4t an FH-Professoren. Das birgt Sprengkraft, sie majorisieren alle Gremien und vergr\u00f6\u00dfern das Lehrdeputat, weil sie weiterhin eine Lehrverpflichtung von 18 Stunden haben. Immer, wenn jemand pensioniert wird, f\u00e4llt die Stelle weg, weil ja schon genug Kapazit\u00e4t besteht. So f\u00fcgt sich eine Lak\u00fcne** an die n\u00e4chste. Auch meine Stelle ist \u201ek\u00fcnftig wegfallend\u201c.<\/p>\n<p><strong>-tze:<\/strong> Sie sind zwar emeritiert, aber in Zukunft bestimmt nicht stumm wie die Steine. Was machen Sie als N\u00e4chstes?<\/p>\n<p><strong>HF:<\/strong> Zwei gro\u00dfe Ausstellungen. Mit Jean-Louis Cohen eine \u00fcber die Interferenzen zwischen Deutschland und Frankreich in Architektur und St\u00e4dtebau des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese Ausstellung wird 2013 in Stra\u00dfburg gezeigt und geht dann nach Frankfurt. F\u00fcr das zweite Projekt \u201eDer ganze Behrens\u201c verhandele ich gerade mit anderen St\u00e4dten, nachdem Hamburg und Berlin geplatzt sind. Aber am Montag fahre ich erst einmal nach Singapur und er\u00f6ffne dort meine Ausstellung \u201eZwei deutsche Architekturen 1949-1989\u201c.<\/p>\n<p>*Vulgata: Lateinische Bibel\u00fcbersetzung<\/p>\n<p>**Lak\u00fcne: L\u00fccke in einem Text<\/p>\n<p>[Interviewtext autorisiert von Hartmut Frank am 26. 2. 2011]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=583\" rel=\"attachment wp-att-583\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"P1010498\" src=\"..\/wp-content\/uploads\/2011\/03\/P1010498.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"523\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hartmut Frank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Interview mit dem Hamburger Architekturtheoretiker Hartmut Frank Drau\u00dfen ein glei\u00dfend heller Wintertag, drinnen dunkel vert\u00e4felte W\u00e4nde und knarzende Dielen. 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