{"id":5972,"date":"2023-04-25T00:07:08","date_gmt":"2023-04-24T22:07:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=5972"},"modified":"2024-07-07T21:54:30","modified_gmt":"2024-07-07T19:54:30","slug":"die-architektin-eine-buchrezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=5972","title":{"rendered":"Die Architektin \u2013 eine Buchrezension"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Cover ist ein Hingucker: Zu sehen ist das Turmrestaurant \u201eBierpinsel\u201c in Berlin-Steglitz. Im dem Roman \u201eDie Architektin\u201c geht es indes um den in der N\u00e4he errichteten \u201eSteglitzer Kreisel\u201c, ein Hochhaus-Projekt der 1970er Jahre, das als Inbegriff des Westberliner Baufilzes in die Geschichte eingegangen ist. Das Buch ist als Schl\u00fcsselroman \u00fcber die schillernde Architektin und Immobilienentwicklerin Sigrid Kressmann-Zschach (1929\u20131990) angelegt und f\u00fchrt die Mechanismen dieses Baufilzes s\u00fcffig vor. Es transportiert stimmig den Kolorit der Zeit \u2013 schw\u00e4chelt allerdings bei einigen Details. Dazu sp\u00e4ter mehr.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5985\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505.jpeg\" alt=\"\" width=\"1600\" height=\"900\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505.jpeg 1600w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505-533x300.jpeg 533w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505-200x113.jpeg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505-768x432.jpeg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0505-1536x864.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Fangen wir so an: Der zu fr\u00fch verstorbene Berliner Architekt Michael Mussotter, wie immer mit Mot\u00f6rhead-T-Shirt, hat es sich einmal nicht nehmen lassen, die Teilnehmer einer von der Baustoff-Industrie veranstalteten Stadtrundfahrt <a href=\"https:\/\/media.baunetz.de\/baunetzwoche\/get-pdf.php?pdf=\/dl\/151835\/baunetzwoche_70_2008.pdf\">zum Bierpinsel zu f\u00fchren<\/a>, als dieser noch in Betrieb war. Dieses Fanal der Zukunftsgl\u00e4ubigkeit fand er sprechender f\u00fcr Berlin als die \u00fcblichen touristischen Ziele.<\/p>\n<div id=\"attachment_5987\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5987\" class=\"wp-image-5987\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506.jpeg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"660\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506.jpeg 1567w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506-318x300.jpeg 318w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506-1024x965.jpeg 1024w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506-159x150.jpeg 159w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506-768x724.jpeg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/IMG_0506-1536x1448.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5987\" class=\"wp-caption-text\">Michael Mussotter in Arbeitskleidung bei der Architekturlehre<\/p><\/div>\n<p>Tats\u00e4chlich ist der Bierpinsel der bauliche Hochpunkt eines integrierten Verkehrsbauwerks, das um 1970 U-Bahn, Stadtautobahn und Fu\u00dfg\u00e4ngerverkehr im verschlafenen Berliner S\u00fcdwesten in die Moderne putschen sollte. Es geh\u00f6rt zu den wenigen realisierten Werken der ICC-Architekten Ursulina Sch\u00fcler-Witte und Ralf Sch\u00fcler und steht inzwischen unter <a href=\"https:\/\/denkmaldatenbank.berlin.de\/daobj.php?obj_dok_nr=09097832,T\">Denkmalschutz<\/a>. Indirekt geh\u00f6rt zu diesem Ensemble am U-Bahnhof Schlo\u00dfstra\u00dfe auch das Verkehrs-, Gesch\u00e4fts- und B\u00fcrozentrum des Steglitzer Kreisels eine Station weiter, am Rathaus Steglitz. Der Kreisel stammt von der erw\u00e4hnten Architektin Kressmann-Zschach, wird derzeit umgebaut und ist kein Baudenkmal.<\/p>\n<p>Im Buch tauft Till Raether den Kreisel konsequent um in \u201eKegel\u201c. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte eines sehr gr\u00fcnschnabeligen Praktikanten einer sehr provinziellen und sehr versoffenen Lokalredaktion aus Spandau (was Raether laut <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/die-architektin-dlf-kultur-6761411a-100.html\">DLF-Interview<\/a> als Hommage an den Lokaljournalismus verstanden wissen m\u00f6chte), der in die Machenschaften des Westberliner Baufilzes ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Spoiler: Im ganzen Buch gibt es keine einzige nennenswerte Sexszene, obwohl doch die reale Architektin angeblich daf\u00fcr bekannt war, mit allen Entscheidungstr\u00e4gern ins Bett zu gehen. Raether erz\u00e4hlt das geschickter, indem er ihre soft verpackten Machtdominanz-Mechanismen gen\u00fcsslich vorf\u00fchrt: Die bekloppten M\u00e4nner fehlinterpretieren schon die Andeutungen einer m\u00f6glichen Liaison als pers\u00f6nliche Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>Die Architektin kommt in dem Buch ziemlich gut weg, auch wegen ihrer schlauen Vertragsgestaltungen, die ihr Millionenhonorare f\u00fcr Planungsleistungen garantieren, sie jedoch bei der einkalkulierten Pleite ihrer Sub-Firmen nie haften lassen. Den Nachteil haben gierige Anleger \u2013 und nat\u00fcrlich immer die \u00f6ffentliche Hand.<\/p>\n<p>Raether hat den Anspruch, den Zeitkolorit der fr\u00fchen 70er Jahre in Westberlin zu aufscheinen zu lassen \u2013 mit Krautrock-Konzerten, WG-Diskussionen und Disco-Besuchen in Rockschuppen. Das wirkt oft stimmig, manchmal aber auch etwas aufgesetzt. Der eigentlich wohlgesonnene Rezensent fremdsch\u00e4mt \u00fcberdies bei vermeidbaren Fehlern im Detail, die einem aufmerksamen Lektorat h\u00e4tten auffallen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Da wird die Transitstrecke nach Hamburg als \u201eB5\u201c bezeichnet, obwohl es in der DDR \u201eF5\u201c hie\u00df. Da f\u00e4hrt 1974 ein Angeber einen Opel Monza, obwohl das Coup\u00e9 der oberen Mittelklasse dieses Namens erst 1978 erschien. Da gibts eine U-Bahn-Verbindung nach Spandau, obwohl die U7 erst Ende der 1980er Jahre dorthin fertiggebaut war. Und so weiter; der Rezensent hat noch eine Reihe bunte Kleber in seinem Exemplar, die er gerne gegen\u00fcber Verlag oder Autor offenlegt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Buch\/Die-Architektin\/Till-Raether\/btb\/e589830.rhd\">Verlagsinfo zum Buch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Cover ist ein Hingucker: Zu sehen ist das Turmrestaurant \u201eBierpinsel\u201c in Berlin-Steglitz. 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