{"id":631,"date":"2011-05-12T20:16:56","date_gmt":"2011-05-12T18:16:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hotze.net\/?p=631"},"modified":"2022-10-22T23:05:45","modified_gmt":"2022-10-22T21:05:45","slug":"priesterweg-ein-bahnhof-im-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=631","title":{"rendered":"Priesterweg: Ein Bahnhof im Niemandsland"},"content":{"rendered":"<p>Der S-Bahnhof Priesterweg in Berlin-Sch\u00f6neberg ist ein wundersch\u00f6ner, moderner Backsteinbau von 1928. Seltsamerweise steht das repr\u00e4sentative Empfangsgeb\u00e4ude im st\u00e4dtebaulichen Niemandsland: Rundherum sind nur Kleing\u00e4rten. Warum?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=632\" rel=\"attachment wp-att-632\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-632\" title=\"priesterweg1\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg1.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"553\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg1.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg1-189x150.jpg 189w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg1-379x300.jpg 379w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nVom Bahnhof Priesterweg (<a href=\"http:\/\/maps.google.de\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;q=Priesterweg,+Sch%C3%B6neberg+12157+Berlin&amp;aq=&amp;sll=52.463331,13.358603&amp;sspn=0.00987,0.033023&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Priesterweg&amp;t=h&amp;geocode=FRF3IAMdT83LAA&amp;split=0&amp;z=16\">hier bei Google Maps<\/a>) aus erreicht man <del>das<\/del> den so heute genannten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sch%C3%B6neberger_S%C3%BCdgel%C3%A4nde\"><del>Sch\u00f6neberger<\/del> Naturpark S\u00fcdgel\u00e4nde<\/a>, einen ehemaligen Rangierbahnhof, der seit der Teilung Berlins nicht mehr benutzt wurde und \u00fcberwuchert ist. Das Land Berlin hat dieses Gel\u00e4nde 1999 f\u00fcr die Expo 2000 zu einem \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Park umgestaltet. Dort gibt es jetzt verfallende Eisenbahnanlagen, Kunstobjekte und einen verrosteten Wasserturm aus den zwanziger Jahren zu sehen. Diesen Naturpark erreicht man vom s\u00fcdlichen Bahnsteigtunnel aus, der erst 1993 im Zuge der Sanierung des Bahnhofs Priesterweg eingerichtet worden ist (Architekten: <a href=\"http:\/\/www.hentschel-oestreich.de\/index.php\/s-bahnhof-priesterweg\">Hentschel Oestreich<\/a>). Von hier aus geht es auch zur Bushaltestelle und zu einem Park-and-Ride-Parkplatz; hier ist also de facto der Hauptzugang zum Bahnhof.<\/p>\n<p>Doch gibt es auch einen n\u00f6rdlichen Tunnel. Dieser f\u00fchrt zu dem genannten Empfangsgeb\u00e4ude und dessen repr\u00e4sentativ angelegten Vorplatz. Von hier aus erreicht man \u2013 nichts. Jedenfalls so gut wie nichts. Der namensgebende Priesterweg ist eine bucklige, schmale Kopfsteinpflasterstra\u00dfe, ges\u00e4umt von unz\u00e4hligen Kleingartenkolonien. Die daran angrenzende Wohnbebauung am Grazer Damm ist erst 1938-40 angelegt worden und steht im Zusammenhang mit Speers gigantomanischen Pl\u00e4nen f\u00fcr die \u201eWelthauptstadt Germania\u201c. Die trutzigen Walmdachblocks mit ihren kleinen Fenstern waren offenbar das Wohnideal der Nazis. Doch der Bahnhof Priesterweg ist ja bereits 1928 er\u00f6ffnet worden und kann damit also nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Der Architekt des Bahnhofsgeb\u00e4udes war \u00fcbrigens Reichsbahn-Baurat G\u00fcnther L\u00fcttich, der allerdings kein Sch\u00fcler des bekannten Berliner Bahnarchitekten Richard Brademann war, wie in einem <a href=\"http:\/\/fotocommunity.s-bahn-berlin.de\/displayimage.php?album=765&amp;pid=6024\">Fotoblog<\/a> vermutet wird, sondern dessen Kollege in einem anderen Dezernat in der Reichsbahn-Bauverwaltung (Dost, 2002).<\/p>\n<p>Wir haben in die einschl\u00e4gige Literatur geschaut in der Hoffnung auf eine Antwort auf die Frage, warum hier ein so aufw\u00e4ndiger Bahnhof erbaut wurde. In \u201eBerlin und seine Bauten. Teil X. Band B (2) \u2013 Fernverkehr\u201c (1984) lesen wir eine exakte, tabellarische Baubeschreibung (\u201eForm: Neue Sachlichkeit, Nachwirkung des Expressionismus\u201c), aber keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr dessen Aufw\u00e4ndigkeit. Lediglich gibt es hier den Hinweis, dass die hiesige Verzweigung der beiden Vorortbahnen, die heute S25 (Endbahnhof: Teltow Stadt) und S2 (Endbahnhof: Blankenfelde) hei\u00dfen, 1928 umgestaltet wurde, und dass der Bahnhof im Zusammenhang mit dieser Umgestaltung neu erbaut wurde. Das erkl\u00e4rt aber noch nicht dessen repr\u00e4sentativen Gestus.<\/p>\n<p>Der \u201eBusB\u201c-Artikel zitiert dann noch eine zeitgen\u00f6ssische Ver\u00f6ffentlichung des Bahnhofs-Neubaus in der <a href=\"http:\/\/www.bauwelt.de\/\">Bauwelt<\/a> von 1929 (S. 32). In dem Bauwelt-Artikel wird in einem redaktionellen Kommentar gelobt,<\/p>\n<blockquote><p>dass man den Wunsch klar erkennt, die Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, aber keinen anderen Absichten Gen\u00fcge zu tun, besonders auf Repr\u00e4sentation oder Romantik zu verzichten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das zielte auf die kurz zuvor noch obligatorische Gestaltung von Bahnhofsbauten des Historismus:<\/p>\n<blockquote><p>Vor noch nicht allzu langer Zeit konnte man \u201ezwecks Anschlusses an die Umgebung\u201c strohgedeckte Bahnhofsbauten oder Pal\u00e4stchen entstehen sehen, bisweilen auch ausgemachte Pal\u00e4ste mit thronsaal\u00e4hnlichen Schalterhallen und Erfrischungsr\u00e4umen, die die \u201eEleganz\u201c zweifelhaft schw\u00fcler Vergn\u00fcgungsanstalten nachahmten. Aus Amerika wurden uns Nachbildungen antiker Badeanstalten als klassische Bahnhofshallen warm empfohlen (Pennsylvania-Bahnhof in New York u. a. m.). In der Regel aber sind die Bahnhofsbauten amerikanischer St\u00e4dte sachlich und ohne irgendwelchen Prunk, ja ohne den Komfort, den wir als selbstverst\u00e4ndlich ansehen. Der vorliegende Bahnhof Priesterweg d\u00fcrfte sich als treffliche L\u00f6sung, gleich weit von beiden \u00dcbertreibungen, erweisen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man mal den kulturpessimistischen Seitenhieb auf die damalige Vergn\u00fcgungsindustrie (oder auch auf die Zuckerb\u00e4ckerarchitektur des Historismus) au\u00dfer Acht l\u00e4sst, ist dieser Artikel ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine ma\u00dfvolle Bahnhofsarchitektur, die weder protzig noch rein funktional konnotiert ist. Vielleicht liegt hier ein Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis: Wenn heute bereits dort ein \u201eBahnhof\u201c ist, wo ein Regenschutzcontainer und ein Fahrkartenautomat aufgestellt sind, so empfanden die Zeitgenossen in den zwanziger Jahren diesen Bau gar nicht als repr\u00e4sentativ, sondern als \u201eganz normal\u201c.<\/p>\n<p>In dem beschreibenden Teil des Bauwelt-Artikels von 1929 wurde noch die Zweckbestimmung dieses neuen \u201eHaltepunktes\u201c erw\u00e4hnt:<\/p>\n<blockquote><p>Er liegt an der Gabelung der beiden Vorortstrecken (\u2026) und soll als Betriebsbahnhof f\u00fcr den daneben liegenden Verschiebebahnhof Tempelhof und zur Erschlie\u00dfung des Sch\u00f6neberger S\u00fcdgel\u00e4ndes dienen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Voil\u00e0: \u201eErschlie\u00dfung des Sch\u00f6neberger S\u00fcdgel\u00e4ndes\u201c. Mit diesem Begriff konnte 1929 noch nicht das Gel\u00e4nde des damaligen Verschiebebahnhofs gemeint gewesen sein, das heute als Naturpark diese Bezeichnung \u00fcbernommen hat. Vielmehr muss es um eine damals noch nicht vorhandene Wohnbebauung gegangen sein.<\/p>\n<p>Ein Blick in mein Lieblingsbuch zur Berliner Wohnungsbaugeschichte erh\u00e4rtet dies sofort. In \u201e<a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=3734\">Berlin und seine Bauten Teil IV Wohnungsbau, Band A Die Voraussetzungen. Die Entwicklung der Wohngebiete<\/a>\u201c (1970) lesen wir, dass das damals tats\u00e4chlich so genannte Sch\u00f6neberger S\u00fcdgel\u00e4nde bereits 1910\/11 Gegenstand eines gro\u00dfen Berliner St\u00e4dtebauwettbewerbs war, den der bekannte Architekt Bruno M\u00f6hring gewann. Dabei ging es um das komplette, damals noch freie Gel\u00e4nde vom Bahnhof Sch\u00f6neberg bis zum Bahnhof Priesterweg. Der Plan von M\u00f6hring scheiterte am 1. Weltkrieg und wurde danach nicht wieder aufgenommen. In den zwanziger Jahren galt das S\u00fcdgel\u00e4nde, nur 3 km vom Potsdamer Platz entfernt, \u201eals das wertvollste Baugel\u00e4nde, das Berlin \u00fcberhaupt noch besitzt\u201c (BusB). Es gab einen Bebauungsplan von Otto Bartning von 1927, gegen den die dort inzwischen ans\u00e4ssigen 4.000 Kleing\u00e4rtner opponierten. Auch er kam nicht zur Ausf\u00fchrung. 1931 lancierte schlie\u00dflich eine Zeitschrift einen Plan eines gewissen Oberbaurat ten Hompel, um die Diskussion \u00fcber das S\u00fcdgel\u00e4nde im Gang zu halten. Doch auch daraus wurde wegen unklarer Finanzierung (es war inzwischen Weltwirtschaftskrise) nichts.<\/p>\n<p>Die Nazis wollten schlie\u00dflich auf dem S\u00fcdgel\u00e4nde zun\u00e4chst eine Wohnstadt f\u00fcr 400.000 Einwohner entstehen lassen. Dann kamen Speer und die Planung f\u00fcr Germania; gebaut wurden die bereits genannten 2.000 Wohnungen am Grazer Damm am Westrand des Gel\u00e4ndes, doch die gigantomanischen Bahnanlagen, die Speer auf dem weitaus gr\u00f6\u00dferen \u00f6stlichen Teil geplant hatte, blieben unrealisiert. Auch nach dem 2. Weltkrieg blieb dieser Teil des S\u00fcdgel\u00e4ndes unbebaut, weil der Berliner Senat jetzt die meisten Kleingartenfl\u00e4chen f\u00fcr einen geplanten West-Berliner Zentralg\u00fcterbahnhof planungsrechtlich freihielt. So weit die Darstellung aus BusB von 1970. Von dem G\u00fcterbahnhofs-Plan wurde \u00fcbrigens erst 1989 endg\u00fcltig Abstand genommen.<\/p>\n<p>Geblieben sind die Kleing\u00e4rtner \u2013 und ein Bahnhof Priesterweg im Niemandsland. Wenn man dem Bahnhof Priesterweg also etwas Gutes tun m\u00f6chte, m\u00fcsste man Wohnungen zwischen Grazer Damm und Priesterweg bauen \u2013 so wie schon 1910\/11 geplant. Dass dies heute politisch kaum mehr durchsetzbar sein d\u00fcrfte, ist klar. St\u00e4dtebaulich sinnvoll w\u00e4re es jedoch.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/?attachment_id=655\" rel=\"attachment wp-att-655\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-655\" title=\"priesterweg2\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg2.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg2.jpg 700w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg2-200x146.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/priesterweg2-410x300.jpg 410w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a>Bilder 10. Mai 2011<\/p>\n<p>Nachtrag 10\/2022:<\/p>\n<p>Hier kommt noch ein sehr sch\u00f6nes PDF von 1909 via <a href=\"https:\/\/www.friedenau-aktuell.de\/stra\u00dfen-pl\u00e4tze\/rubensstra\u00dfe\/\">friedenau-aktuell.de:<\/a><\/p>\n<p>Es zeigt das Sch\u00f6neberger S\u00fcdgel\u00e4nde als riesige Freifl\u00e4che, noch ohne Kleing\u00e4rten und das fl\u00e4chenfressende Autobahnkreuz:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.friedenau-aktuell.de\/app\/download\/12889138\/Friedrich+Gerlach%2C+Plan+der+Stadt+Sch\u00f6neberg+von+1909.pdf\">Uebersichtsplan der Stadt Sch\u00f6neberg nach dem Zustande vom 1ten Mai 1909 unter Ber\u00fccksichtigung der an diesem Tage geltenden f\u00f6rmlich festgestellten und im Feststellungsverfahren begriffenen Bebauungspl\u00e4ne (PDF)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der S-Bahnhof Priesterweg in Berlin-Sch\u00f6neberg ist ein wundersch\u00f6ner, moderner Backsteinbau von 1928. 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Warum?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,6],"tags":[],"class_list":["post-631","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-architektur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=631"}],"version-history":[{"count":83,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/631\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5627,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/631\/revisions\/5627"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=631"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hotze.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}