{"id":6717,"date":"2025-01-05T16:09:16","date_gmt":"2025-01-05T15:09:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=6717"},"modified":"2025-01-05T21:08:53","modified_gmt":"2025-01-05T20:08:53","slug":"datenschutz-entnazifizierungsakten-in-nrw-oeffentlich-zugaenglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hotze.net\/?p=6717","title":{"rendered":"Datenschutz? Entnazifizierungsakten in NRW \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, stellt seit 2023 schrittweise digitalisierte Entnazifizierungsakten von Belasteten online, die zum Zeitpunkt der Entnazifizierung (also etwa 1946\u201348) in den betreffenden Regierungsbezirken ihren Wohnsitz hatten. Auch die Akten meiner beiden Gro\u00dfv\u00e4ter sind hier f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit ohne jede H\u00fcrde zug\u00e4nglich. Hier soll 1. am Beispiel der eigenen Vorfahren ein \u00dcberblick \u00fcber die Entnazifizierungspraxis gegeben werden, 2. das Projekt des Landesarchivs NRW vorgestellt werden und schlie\u00dflich 3. eine Abw\u00e4gung dieser Ver\u00f6ffentlichungspraxis vor dem Hintergrund des Datenschutzes und der Pers\u00f6nlichkeitsrechte versucht werden.<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_6716\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6716\" class=\"wp-image-6716\" src=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"486\" srcset=\"https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-432x300.jpg 432w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-1024x711.jpg 1024w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-200x139.jpg 200w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-768x533.jpg 768w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-1536x1067.jpg 1536w, https:\/\/blog.hotze.net\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/R_NW_1005-G26-00054_0001-2048x1422.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6716\" class=\"wp-caption-text\">Deckblatt der digitalisierten Akte meines Gro\u00dfvaters Ewald Hotze<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>\u00a01. \u00dcberblick \u00fcber die Entnazifizierungspraxis am Beispiel der eigenen Vorfahren<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>(siehe hierzu auch den entsprechenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Entnazifizierung\">Wikipedia-Artikel<\/a>)<\/p>\n<p>Auf Beschluss der alliierten Bestzungsm\u00e4chte wurden ab 1946 in allen vier Besatzungszonen Entnazifizierungsverfahren durchgef\u00fchrt. Deren Ziel war es, NS-belastete Personen zu identifizieren, um sie fortan von \u00f6ffentlichen \u00c4mtern fernzuhalten. Soweit die Theorie. Da aber die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges die weltpolitische Lage zunehmend bestimmten, wurde die Entnazifizierungspraxis zumindest in den westlichen Zonen offenbar zunehmend laxer gehandhabt \u2013 manche sprechen auch von einer Farce. \u00dcber 80 Prozent der Belasteten wurden jedenfalls in die \u201eharmlosen\u201c Kategorien 4 (Mitl\u00e4ufer) und 5 (Unbelastete) eingestuft. Auch wenn die zust\u00e4ndigen Kommissionen aus unbelasteten Deutschen bestehen sollten, kann man doch vereinfachend sagen: Hier urteilten Angeh\u00f6rige des T\u00e4ter-Volks \u00fcber T\u00e4ter mit dem Ziel, sie m\u00f6glichst zu Nicht-T\u00e4tern zu erkl\u00e4ren. Einen abgewogenen Aufsatz zur Einordnung der Entnazifizierungspraxis im n\u00f6rdlichen Rheinland habe ich \u00fcbrigens <a href=\"https:\/\/www.rheinische-geschichte.lvr.de\/Epochen-und-Themen\/Themen\/die-entnazifizierung-im-noerdlichen-rheinland\/DE-2086\/lido\/582d73e2d055e9.37648454\">hier gefunden<\/a>.<\/p>\n<p>Am Beispiel meiner beiden Gro\u00dfv\u00e4ter Ewald Hotze (<a href=\"https:\/\/dfg-viewer.de\/show\/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Rheinland%2FNW-Bestaende%2FNW_1005-G26%2F%7E000%2FNW_1005-G26-00054%2Fmets.xml\">Akte hier einsehbar<\/a>) und Bern(h)ard Borchard (<a href=\"https:\/\/dfg-viewer.de\/show\/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Rheinland%2FNW-Bestaende%2FNW_1039-B%2F%7E040%2FNW_1039-B-04050%2Fmets.xml\">Akte hier einsehbar<\/a>) soll hier ein Schlaglicht auf die Entnazifizierung gerichtet werden.<\/p>\n<p>Ewald Hotze ist in die NSDAP angeblich auf Anraten eines katholischen Pfarrers eingetreten, der nach Abschluss des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskonkordat\">Reichskonkordats<\/a> daf\u00fcr warb, innerhalb der Partei einen starken christlichen Fl\u00fcgel aufzubauen. Auch wenn ich als Nachgeborener hier nicht das Recht auf ein nachtr\u00e4gliches Urteil beanspruchen kann, fallen bei der Durchsicht der Akten sofort Ungereimtheiten auf. Denn das Reichskonkordat wurde bereits 1933 abgeschlossen, Ewald trat allerdings erst 1938 in die Partei ein, als die kirchenfeindlichen Tendenzen des NS-Regimes nicht mehr zu \u00fcbersehen waren. Das Zeugnis des Pfarrers tr\u00e4gt alle Merkmale eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Persilschein\">Persilscheins<\/a>; also einer Bescheinigung, mit deren Hilfe Dritte Belastete zu Unbelasteten erkl\u00e4ren. Diese Einlassungen lesen sich oft wie bestellt und wirken in ihrem unbedingten Entlastungseifer oft sogar unfreiwillig komisch: Geradezu putzig wirkt etwa die Erkl\u00e4rung des Pfarrers, der Belastete habe auf eigene Kosten NSDAP-Schrifttum erworben, um dieses \u201eunwirksam\u201c zu machen, indem er es \u201everschwinden lie\u00df\u201c. Familienintern wurde ein anderer Grund f\u00fcr den Parteieintritt kolportiert: Ewald glaubte, damit die Berufschancen seines Bruders Leo Hotze (<a href=\"https:\/\/dfg-viewer.de\/show\/?tx_dlf[id]=https%3A%2F%2Fwww.landesarchiv-nrw.de%2Fdigitalisate%2FAbt_Rheinland%2FNW-Bestaende%2FNW_1005-G32%2F%7E018%2FNW_1005-G32-01867%2Fmets.xml\">Akte hier einsehbar<\/a>) als freischaffender Architekt zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Bern(h)ard Borchard ist bereits 1933 in die Partei eingetreten, weil er als in den Niederlanden lebender Deutscher glaubte, damit seine \u201eZugeh\u00f6rigkeit zum Deutschtum dartun zu m\u00fcssen\u201c. Einen m\u00f6glichen sp\u00e4teren Austritt hat er verworfen, weil er als dienstverpflichteter Zivilist im Krieg dadurch Nachteile bekommen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Beide Gro\u00dfv\u00e4ter berufen sich ausgiebig auf ihre pr\u00e4gende christlich-katholische Weltanschauung, die den Zielen der Nationalsozialisten entgegengestanden h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>2. Das Projekt des Landesarchivs NRW<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber die Hintergr\u00fcnde der Ver\u00f6ffentlichungspraxis des Landesarchivs NRW ist im Netz wenig zu erfahren. In einer <a href=\"https:\/\/www.archive.nrw.de\/landesarchiv-nrw\/entnazifizierungsakten-online\">Notiz vom 29. 8. 2023<\/a> wird das Projekt \u00f6ffentlich vorgestellt. In einer <a href=\"https:\/\/www.compgen.de\/2024\/09\/nrw-entnazifizierungsakten-stillstand-bei-der-online-stellung\/\">Notiz vom September 2024<\/a> wird ein Stillstand bei der Online-Stellung beklagt.<\/p>\n<p>Und so funktioniert es: \u00dcber eine <a href=\"https:\/\/www.archive.nrw.de\/archivsuche\">Archivsuche<\/a> lassen sich die Akten leicht auffinden. Sie bestehen aus je zwei eingescannten A4-Seiten, die jeweils zu einer A3-Datei zusammengefasst sind. \u00dcber einen Viewer der DFG (erreichbar beim jeweiligen Treffer \u00fcber den Klick auf ein Bildsymbol) lassen sich diese JPG-Bilddateien durchforsten; au\u00dferdem wird eine Download-Funktion angeboten.<\/p>\n<p><strong>3. Abw\u00e4gung dieser Ver\u00f6ffentlichungspraxis vor dem Hintergrund des Datenschutzes und der Pers\u00f6nlichkeitsrechte<\/strong><\/p>\n<p>Es handelt sich bei den Akten zweifellos um sensible personenbezogene Daten. Hier werden berufliche Lebensl\u00e4ufe einschlie\u00dflich Einkommensnachweisen \u00f6ffentlich, auch finden sich teils sehr konkrete Angaben zu Verwandten und Nachkommen (eher als Beifang). Mich hat \u00fcberrascht, dass diese Daten ohne jeglichen Nachweis eines berechtigten Interesses f\u00fcr die weltweite \u00d6ffentlichkeit frei einsehbar sind. Eine nennenswerte Kritik an diesen Ver\u00f6ffentlichungen habe ich jedoch im Netz nicht gefunden. Da das Projekt sich auf die Geburtsjahrg\u00e4nge 1922 und \u00e4lter beschr\u00e4nkt, ist eine 100-Jahresfrist gewahrt, was offenbar vom Datenschutz und von den einschl\u00e4gigen Pers\u00f6nlichkeitsrechten gedeckt ist. Allerdings werden sich wohl nur wenige NSDAP-Mitglieder finden, die nach 1922 geboren wurden; diese w\u00e4ren bei Kriegsende gerade mal 22 Jahre alt gewesen.<\/p>\n<p>Wenn diese Praxis also juristisch abgedeckt sein d\u00fcrfte, stellt sich dennoch die Frage nach einer ethischen Bewertung. Und hier vertrete ich die Ansicht, dass die \u00d6ffentlichkeit und die (Ahnen-) Forschung ein Recht darauf haben, die Akten von NS-Verstrickten einzusehen. Immerhin sind diese Leute freiwillig Mitglied einer verbrecherischen Partei gewesen, die die Welt mit Terror, Holocaust und Krieg \u00fcberzogen hat. Mein Mitgef\u00fchl f\u00fcr diese T\u00e4ter \u2013 wie auch immer sie bei der Entnazifizierung eingestuft worden sind \u2013 h\u00e4lt sich daher in engen Grenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, stellt seit 2023 schrittweise digitalisierte Entnazifizierungsakten von Belasteten online, die zum Zeitpunkt der Entnazifizierung (also etwa 1946\u201348) in den betreffenden Regierungsbezirken ihren Wohnsitz hatten. Auch die Akten meiner beiden Gro\u00dfv\u00e4ter sind hier f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit ohne jede H\u00fcrde zug\u00e4nglich. 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