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Gaslaternen in Berlin – wieder mal ein Missverständnis

2 Kommentare

In Berlin gibt es noch 42.500 Straßenleuchten, die mit Gas betrieben werden – immerhin fast 19% des Gesamtbestandes in der Stadt (Stand: November 2012). Das ist eine weltweit einmalig große Zahl – und für Viele ein zu schützendes Kulturgut. Doch der Berliner Senat will diese Gaslaternen weitgehend abschaffen – so heißt es. Dagegen regen sich heftige Proteste. Ein genauerer Blick allerdings zeigt, dass die Pläne des Senats bei weitem nicht so gravierende Folgen für das Stadtbild haben werden, wie die Gaslichtfreunde glauben machen. 

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Aufsatzleuchte Typ BAMAG U 7. Diese Gaslaternen prägen das Straßenbild. Sie sollen erhalten werden – allerdings zukünftig teilweise mit LEDs leuchten

Es ist eine illustre Koalition, die zum Erhalt der Berliner Gaslaternen trommelt: Der Kolumnist Harald Martenstein, der der politischen Führung in Sachen Gaslicht ein „vernichtendes Zeugnis“ ausstellt, gehört ebenso dazu wie der Entertainer Ilja Richter („Berlins Prominenz brennt“) und der Verein Gaslicht-Kultur e.V., der sich auf seiner etwas wirren Website unter anderem damit Gehör verschafft, dass Elektroleuchten „Insektenvernichter“ seien – im Gegensatz zum Gaslicht. Und schließlich lässt der Architekturpublizist Gerwin Zohlen in der FAZ sogar Lili Marleen „pro Gaslaterne“ aufmarschieren, während Deutschland-Radio Kultur den „Gaslicht-Krieg“ ausruft…

Hier soll nicht über Ökobilanzen und Kosten nachgedacht werden – denn dann wäre die Unterlegenheit der Gasbeleuchtung kaum zu bestreiten. Es soll aber auch nicht über Stadtbild, Lichtanmutung und Tradition gesprochen werden – denn dann wäre im Gegenzug die Überlegenheit der Gasbeleuchtung kaum zu bestreiten – zumindest gegenüber herkömmlicher Elektrobeleuchtung.

Hier soll vielmehr der Versuch gemacht werden, die tatsächlichen Folgen des Austauschprogramms des Senats zu überschauen. Fast alle Veröffentlichungen zum Gaslicht werden nämlich mit historischen Sonderleuchten bebildert. Doch um die geht es gar nicht. Es geht in der großen Masse um die so genannten Aufsatzleuchten. Und wer sich damit befasst, wird einigermaßen überrascht. Doch dazu später.

Eine Grafik der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz führt vier verschiedene Typen von vorhandenen Gasleuchten in Berlin an:

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Es besteht keine vernünftige Veranlassung, an den Zahlen der Senatsverwaltung zu zweifeln. Demnach gibt es – mit Stand November 2012 – noch folgende Anzahl dieser vier Gasleuchten-Typen in der Stadt:

  • 30.700 Gasaufsatzleuchten mit der historischen Typenbezeichnung BAMAG U 7
  • 7.000 Gasreihenleuchten
  • 3.600 Gashängeleuchten und
  • 1.200 Gasmodellleuchten

Beginnen wir bei den Modellleuchten. Diese sind in aller Regel Sonderstücke oder auch historisierende Nachbauten, die in touristisch-historischen Situationen stehen. Sie wirken meist nicht sehr authentisch, sind aber hier kaum betroffen: Zumindest in „städtebaulich relevanten Flächendenkmalen“ sollen sie als Gasleuchten erhalten bleiben. Im übrigen gibt es solche Leuchten auch schon lang in der elektrischen Variante.

Die 7.000 Gasreihenleuchten, die in Westberlin in den fünfziger Jahren an Hauptverkehrsstraßen errichtet wurden, werden tatsächlich gegenwärtig flächendeckend bis auf wenige Ausnahmen abgebaut und durch eine schlanke, moderne Elektroleuchte „Jessica“ ersetzt. Lediglich 230 Reihenleuchten sollen in Flächendenkmalen erhalten bleiben. Der Status der Umrüstung wird hier bekannt gegeben. Das Programm soll 2016 abgeschlossen sein.

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Gasreihenleuchte in der Riemeisterstraße in Zehlendorf, Mai 2013

Diese Gasreihenleuchten mit ihren Peitschenmasten erscheinen nicht unbedingt als stadtbildprägend und erhaltenswürdig – jedenfalls hat sich auch noch kaum ein Gaslichtbefürworter je explizit dafür ausgesprochen.

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Aufsatzleuchte in der Auerhahnbalz in Zehlendorf, Mai 2013

Die Senatsverwaltung verlautbart weiter: „Bei allen anderen Typen Gasleuchten [also nicht Gasreihenleuchten, Anm. -tze] erfolgt die Umstellung nur punktuell und in kleiner Stückzahl.“ Wenn diese Aussage so stimmt, dann ist die Aufregung größtenteils überflüssig. Denn mit über 30.000 Stück macht den Löwenanteil der Gasleuchten eben die Aufsatzleuchte aus. Das ist die klassische „Gaslaterne“, an die man zuerst denkt. Dazu kommen 3.600 Gashängeleuchten, die auch nicht in großer Zahl von Umrüstungsplänen betroffen sind.

Sofern die Aufsatzleuchten doch verändert werden, sollen sie „in ihrer traditionellen Erscheinungsform vollständig erhalten bleiben“. Sie werden allerdings…

…auf elektrischen Betrieb umgestellt und dafür ausnahmslos mit modernen LEDs ausgestattet. Die Entwicklung dieser Technologie hinsichtlich Leuchtmittelform und Lichtfarbe ist mittlerweile so weit, dass selbst die fachkundige Betrachter kaum einen Unterschied zwischen den herkömmlichen Gasleuchten und den mit LED ausgestatteten Modellen erkennen können.

Wegen der Langlebigkeit der gusseisernen Maste wurden technische Lösungen zu deren Wiederverwendung für einen Elektrobetrieb gesucht.
Der äußerst enge Hohlraum in den alten gusseisernen Bündelpfeilermasten stellte bislang ein Hindernis für deren Wiederverwendung bei der Elektrifizierung dar. Durch die Entwicklung eines neuen, sehr schlanken Anschlussmoduls für die Energieversorgung ist jetzt aber sichergestellt, dass die alten Maste wiederverwendet werden können.

Künftig können damit Umrüstungen von Gasaufsatzleuchten unter Wiederverwendung der alten gusseisernen Bündelpfeilermaste erfolgen. Zudem ermöglicht die Umrüstung auf LED eine dem Gaslicht nahezu identische Lichtfarbe. (SenStadt)

Fazit: Sofern die Aufsatzleuchten nicht sowieso als Gasleuchten erhalten werden, bleiben auch im Falle einer Umrüstung die Masten und die Aufsätze erhalten, und die Lichtfarbe ist mit bloßem Auge nicht vom Gaslicht zu unterscheiden. Dagegen kann man eigentlich kaum sinnvoll opponieren.

Natürlich gibt es in der Denkmalpflege den Grundsatz, dass nicht das Bild des Denkmals zu bewahren ist, sondern seine Substanz. Aber die Substanz wird ja hier bewahrt, nur das „Betriebssystem“ wird modernisiert. Da dies aber nicht sichtbar ist, erscheint das Beharren auf realer Gaszufuhr als ein wenig esoterisch.

Geschrieben von Benedikt Hotze

26. Mai 2013 um 21:34

2 Kommentare zu “Gaslaternen in Berlin – wieder mal ein Missverständnis”

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  1. Jochen Schönfeldt

    2. Jun 13 um 22:52

    Lieber Herr Hotze, ich verfolge Ihr Blog seit geraumer Zeit und freue mich immer über einen neuen Beitrag.
    Hier aber muss ich dringend meinen Dissens zum Ausdruck bringen!
    Die Gasreihenleuchten erscheinen Ihnen ’nicht unbedingt als stadtbildprägend und erhaltenswürdig‘. Vermissen Sie denn das Schimmelpfenghaus?
    Ansonsten wird ‚_nur_ das “Betriebssystem” modernisiert‘?
    Gerade von Ihnen hätte ich mir doch nach Ihren Artikeln über Haus Dietz und Wärmedämmwahn eine differenziertere Sichtweise erhofft. Mit der nämlichen Argumentation könnten Sie, sagen wir, bei einer Bockwindmühle das Getriebe aus Eichenholz durch einen kleinen leistungsfähigen wartungsarmen Elektromotor ersetzen. Sieht ja keiner. Bloss dass Sie damit ein technisches Denkmal entkernt und entwertet haben.
    Selbst wenn die Lichtfarbe näherungsweise stimmen sollte, was nach meinen Erfahrungen mit LED Licht stark anzuweifeln ist, so kommt es auch auf die Intensität und die Streuung an, nicht zu reden von Subtilerem wie dem Flackern bei Windstößen und dem leisen Zischen.
    Im Ergebnis wird die gesamte Anmutung eines gasbeleuchteten Stadtquartiers auf der Strecke bleiben. Ich wohne seit Jahren im Schillerkiez und wenn ich dort etwas als Inbegriff großstädtischer Qualität lieben gelernt habe, dann ist es die kopfpsteingepflasterte Großstadtstraße in leichtem von Tempelhof hereinziehendem Herbstnebel im Gaslicht.
    Das ist weltweit einzigartig und wird als stimmungsbildender Faktor gerade für Touristen völlig unterschätzt.
    Über Ökobilanzen und Kosten könnte übrigens sehr wohl nachgedacht werden – dann würde sich u.U. herausstellen dass es unter beiden Aspekten günstiger wäre, veraltete Elektroleuchten zu ertüchtigen. Es besteht nämlich durchaus Veranlassung, an der Redlichkeit der Kalkulation der Senatsverwaltung zu zweifeln.
    Lassen Sie doch bei passender Gelegenheit die Atmosphäre des Gaslichts auf sich wirken- noch müsste es in Onkel Toms Hütte ja möglich sein…

    • Benedikt Hotze

      2. Jun 13 um 23:13

      Lieber Jochen Schönfeldt,

      haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar, der tatsächlich zunächst vom „AntiSpam“-Bienchen verschluckt wurde. Das tut mir leid – darauf habe ich aber bei 5.000 Spam-Kommentaren pro Monat keinen reelen Einfluss…

      Zur Sache: Ich glaube, wir sind nicht sooo weit auseinander.

      1. Das Schimmelpfenghaus vermisse ich tatsächlich nicht, weil ich es – bis auf einige schicke Details auf EG-Niveau sowie das oberste Glasgeschoss – immer etwas klobig fand – und städtebaulich einfach völlig falsch. Aber ums Schimmelpfenghaus gehts hier ja nicht.

      2. Ich weiß, was Sie mit dem Beispiel von der Bockwindmühle sagen wollen, und dennoch halte ich den Vergleich für hinkend. Unter der Prämisse (die Sie aufgrund von Vermutungen anzweifeln), dass nämlich die Lichtfarbe und -anmutung wirklich gleich sind, könnte ich mit der Umstellung auf LED-Licht leben. Da bin ich ausnahmsweise mal nicht „Substanzfetischist“. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich die angegebene Referenzstraße in Kreuzberg, wo LED- und Gaslicht nebeneinander aufgebaut wurden, demnächst bei Dunkelheit testen werde.

      3. Ich habe hier in meinem unmittelbaren Wohnumfeld in Onkel Toms Hütte sowohl Gasreihenleuchten als auch Aufsatzleuchten (diese direkt unter dem Balkon). Die Gasreihenleuchten habe ich erst als „Gaslicht“ wahrgenommen, seit diese Debatte läuft. Die Aufsatzleuchten hingegen halte ich in der Tat für ortsbildprägend und Berlin-typisch. Nur: Davon soll ja offenbar der Löwenanteil auch bis auf Weiteres gasbetrieben bleiben – die Verlautbarungen des Senats legen sich da allerdings nicht so gerne fest. In jedem Falle bleiben die Masten, die Aufsätze und die Lichtfarbe erhalten – und das halte ich für einen guten Kompromiss.

      4. In meiner Geburtsstadt Essen wurden in unserer Straße die Gas-Aufsatzleuchten 1970 durch gesichtslose Elektroleuchten ersetzt. Die besondere Situation Berlins hat dies (jedenfalls im Westteil!) in vielen Straßenzügen verhindert. Der Modernisierungsdruck war in Berlin einfach nicht so groß. Ich stimme überein, dass das heute als Standortvorteil gelten kann. Die Quintessenz meines Artikels war aber: Diese optische Anmutung wird im Wesentlichen auch erhalten bleiben. Mit oder ohne Nebel auch im Schillerkiez…

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