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Das früheste moderne Haus in Berlin

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In Riesigk (!) nahe des Wörlitzer Parks bei Dessau haben wir die früheste neugotische Kirche Deutschlands identifiziert (1804–09); gestern haben wir das früheste moderne Haus Berlins besucht: die Doppelvilla von Erich Mendelsohn am Karolingerplatz im Westend (Bauausführung: 1922, Quelle: BusB IV C, 1975).

Nun kann lässt sich natürlich trefflich über die Definition der Moderne streiten. Ist die Gartenstadt Falkenberg von Bruno Taut (1913–15) bereits modern? Vor Ort überwiegt – trotz aller farblichen Innovationen – eine vormoderne ästhetische Anmutung. Ist die Hufeisensiedlung des selben Architekten (ab 1925) modern? Ich meine ja, auch wenn die Einfamilienreihenhäuser dort noch Spitzdach tragen.

Ähnlich wie Taut war auch Erich Mendelsohn ein early adopter moderner Gestaltungsideen. Beim Karolingerplatz hat er sogar die städtebauliche Wirkung vor die Nutzbarkeit gesetzt. Julius Posener kritisierte: „Es wurden hier also der dynamischen Ecklösung Opfer in der Raumplanung gebracht“ (gemeint ist: bei der Grundrisslösung). Nicht ohne zu schließen: „Die erzielte Wirkung ist allerdings außerordentlich.“

Es ist folgerichtig, dass die gestalterischen Ideen der Moderne, wie sie 1922/23 von Le Corbusier in „Vers une architecture“ international verbreitet wurden, zunächst beim privaten Villenbau ankamen. Der gemeinnützige Geschosswohnungsbau in Deutschland, der in Berlin zur Listung als UNESCO-Weltkulturerbe führte, begann erst 1924/25 mit der Hauszinssteuer.

Das Doppelhaus am Karolingerplatz ist im kunsthistorischen Sinne sicherlich als „modern“ einzustufen. Es fehlt jegliche historisierende Ornamentik; die Befensterung ist frei (wenn auch nicht so radikal wie bei Le Corbusier), freie Ecken wurden zumindest angedeutet. Die Baukonstruktion ist allerdings als Mauerwerksbau konventionell, und soziale Bezüge fehlen natürlich völlig.

Mendelsohn ist noch mit einem zweiten Projekt in dieser Reihe zu nennen: mit der Villa Sternefeld an der Heerstraße 109 (1923-24). Auch diese haben wir in diesem Zusammenhang wiederbesucht.

Posener attestiert: „Dynamische Architektur der zwanziger Jahre“. Das Gebäude leidet aktuell (2024) unter einem gewissen Sanierungsstau.

Bei der Frage nach dem frühesten Berliner Bau der Moderne darf allerdings „Sommerfelds Aue“ (Onkel-Tom-Straße 85-91) nicht fehlen.

Celina Kress hat das gut herausgearbeitet. Demnach hat der Immobilienunternehmer Adolf Sommerfeld Musterhäuser für eine geplante Villensiedlung errichten lassen. Da sich – auch wegen der damals noch schwierigen Erreichbarkeit – dafür keine Käufer fanden, hat er seine leitenden Angestellten verpflichtet, die Musterhäuser selbst zu bewohnen. Legendär war ein drehbares Rondell im Wohnraum, das drei verschiedene Nutzungen herbeidrehen können sollte. Später bezahlte Sommerfeld die U-Bahn-Anbindung aus eigener Tasche und schwenkte um auf eine gemeinnützige Siedlung aus der Feder von Bruno Taut, Hugo Häring und Rudolf Otto Salvisberg.

Sommerfeld hatte den Auftrag für die Musterhäuser an Mendelsohn vergeben, aber laut Kress hat dessen junger Mitarbeiter Richard Neutra – der später in den USA zu Ruhm kommen sollte – den Entwurf allein bearbeitet. Der Bauantrag wurde Ende März 1923 eingereicht.

Geschrieben von Benedikt Hotze

22. Januar 2024 um 00:20

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