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Women in Architecture: Ursula Hollatz und das katholische Jugendheim St. Laurentius in Essen-Steele

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Ein architektonisch auffäliges Gebäude, das ich aus meiner Jugend kenne, wurde offenbar 1953/1954 von einer jungen Architektin entworfen: das Jugendheim der katholischen St.-Laurentius-Gemeinde in Essen-Steele, Im Kirchspiel 16A. Das Gebäude wurde nach Leerstand in den 1980er Jahren abgerissen. In einem hobbyhistorischen Beitrag in der Zeitschrift „Stela Historica“ (Heft 20, 2024), herausgegeben vom Verein Steeler Archiv e.V., wird dafür Ursula Hollatz als Architektin genannt. In dem Bestreben, Frauen in der Architektur sichtbarer zu machen, habe ich daraufhin eine Recherche zu dieser Architektin gestartet – ein Zwischenbericht.

Aus öffentlich zugänglichen Quellen habe ich zunächst diese biografischen Informationen zusammengetragen:

  • Ursula Hollatz ist identisch mit Ursula Kölsch (verstorben 2009). Sie führte mit ihrem Ehemann Hans Ulrich Kölsch (1927-2019) das Essener Architekturbüro Kölsch & Kölsch.
  • Ursula Kölsch ist die Tochter des Essener Baudezernenten (Beigeordneten) Josef Walther Hollatz (1898-1981), der dieses Amt 1951-1963 ausübte (Quelle: Bergmann, Brdenk (Hg.), Architektur in Essen 1900–1960, Essen 2012) und der maßgeblichen Einfluss auf den autogerechten Wiederaufbau der Stadt Essen nahm.
  • Zu den Werken des Büros Kölsch & Kölsch gehört das Einfamilienhaus Hollatz, Bauherr: Josef Walther Hollatz, in der Heisinger Straße 120 in Essen-Stadtwald (1963). Das Gebäude in einem skandinavisch anmutenden Bungalow-Stil mit flachgeneigtem Pultdach (zur Straße eingeschossig, zum Garten zweigeschossig) ist ausweislich Google Maps erhalten. Das Gebäude wird in einem einschlägigen Architekturführer als „herausragendes Essener Beispiel des International Style der 1950/60er Jahre“ bezeichnet (Quelle: Bergmann, Brdenk, Architektur in Essen 1960–2013, Essen 2013).
  • In einigen Quellen wird diese Adresse als Bürostandort von Kölsch & Kölsch angegeben. Demnach müssten sie das Büro im Einfamilienhaus des Vaters/Schwiegervaters betrieben haben.
  • Als Wohnadresse von Hans Ulrich Kölsch und Ursula Kölsch wird durchgängig Am Ruhrstein 37b in Essen-Bredeney angegeben – ein großer Apartment-Block, der mutmaßlich um 1960 errichtet wurde. Hans-Ulrich Kölsch bzw. das Ehepaar Kölsch wohnte dort von mindestens 1965 an (Quelle: Essener Adressbuch 1965) bis zu seinem Tod 2019.
  • In einem Adressbuch von 1972 wird Hans Ulrich Kölsch die Berufsbezeichnung „Arch“ und Ursula Kölsch die Berufsbezeichnung „Dipl-Arch“ zugewiesen (Quelle). Sofern dieser Unterschied bewusst gemacht wurde, könnte dies bedeuten, dass Hans Ulrich Kölsch die geschützte Berufsbezeichnung „Architekt“ aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Architektenkammer führen durfte, während Ursula Kölsch als Absolventin des Diplom-Studiengangs Architektur ausgewiesen wird, ohne die Berufsbezeichnung Architektin führen zu dürfen.
  • Zu den Bauten von Kölsch & Kölsch gehören außerdem das Ev. Gemeindezentrum mit Altstadthaus (1963, Rottstraße 9 in Essen, 2013 abgerissen), die Trauerhalle Überruhr (1969-70, Quelle) sowie die Andachtshalle des Essener Ostfriedhofs (1957, Quelle)
  • In einem vom BDA Essen herausgegebenen Architekturführer wird Hans Ulrich Kölsch (im Gegensatz zu Ursula Kölsch) mit dem Namenszusatz „BDA“ geführt (Quelle: BDA Essen (Hg.), Essen Architekturführer, Essen 1983). Weitere Quellen zu einer BDA-Mitgliedschaft gibt es bisher nicht.
  • Das Ehepaar Kölsch ist außerdem als Sammler von Gebrauchsgegenständen aus Kunststoff hervorgetreten. Das renommierte Essener Folkwang-Museum hat 1983 diese Sammlung ausgestellt (Quelle: DER SPIEGEL 23/1984). Die Deutsche Gesellschaft für Kunststoffgeschichte würdigt Hans Ulrich Kölsch mit einem Nachruf (2019).

Nun zum Jugendheim St. Laurentius. Die Angabe, dass die Pläne dafür von der Architektin Ursula Hollatz stammen, ist Auslöser dieser Recherche. Leider genügt der eingangs erwähnte Beitrag in der „Stela Historica“ nicht strengen wissenschaftlichen Kriterien. Er basiert vielmehr – neben anekdotischen Berichten aus der Nutzungsgeschichte – auf einer Akteneinsicht in kirchliche Bau-Archive; daher stammen einige im Beitrag wiedergegebene Planzeichnungen. Auf Nachfrage hat mir der Autor Norbert Nülens freundlicherweise ein Foto des Plankopfes geschickt (siehe Aufmacherbild oben). Daraus geht hervor, dass Ursula Hollatz („Diplom-Architekt“) als Planverfasserin auftrat; sie hatte sogar einen eigenen Firmenstempel.

Für den Bauvorlauf werden in „Stela Historica“ Gremiensitzungen und Planvorstellungen aus den Jahren 1953 und 1954 angegeben, doch gibt es keine konkretere Angaben zur Bauzeit. Gleiches gilt für Daten zur Aufgabe der Nutzung und den Abriss. Auch wurde der Autor bei der Bildrecherche lediglich in Archiven von Lokalzeitungen fündig; diese Bilder im niedrig aufgelösten Zeitungsdruck geben das Gebäude im Zustand der Verwahrlosung kurz vor dem Abriss wieder.

Aus eigener Anschauung kann ich ergänzend beitragen, dass das Gebäude mindestens noch bis Ende 1979 in Nutzung war, und dass es in den 1970er Jahren auffällige Bauschäden gab. Offenbar drang Wasser durch die Flachdächer ein, was sich mit auffälligen Schlieren und Verschmutzungen an den Wänden im Inneren des Gebäudes mitteilte.

Über den persönlichen Anteil der Architektin Ursula Hollatz an Entwurf und Bauausführung sind mir derzeit nur Spekulationen möglich.

  • Hypothese 1: Ursula Hollatz hat den Auftrag in eigener Regie ausgeführt. Dies wäre die interessanteste Hypothese. Dafür spricht, dass sie mit ihrem Geburtsnamen auftrat und somit bereits vor der Partnerschaft mit Kölsch mit dem Bauvorhaben befasst gewesen sein könnte. Der Plankopf mit ihrem Stempel stützt diese Hypothese. Ein Erstling einer jungen Architektin wäre für die Zeit eine kleine Sensation. Allerdings stammen die Pläne von 1953/54; es ist mir weder bekannt, wann sie ihr Studium abgeschlossen hat, noch, wann sie in die berufliche und private Partnerschaft mit Kölsch eingetreten ist.
  • Hypothese 2: Ursula Hollatz hat den Auftrag nicht allein ausgeführt, sondern in Partnerschaft mit Kölsch, tritt aber aus bestimmten Gründen allein auf – sei es, dass die kirchliche Bauherrschaft dem Baudezernenten eine Gefälligkeit erweisen wollte, indem sie seine Tochter beauftragt; sei es, dass Ursula Hollatz die „richtige“ Konfession hatte, ihr Partner jedoch nicht (kirchliche Auftraggeber haben damals die Auftragsvergabe gern von der Konfession des/der Architekt/in geknüpft).

Als Fazit dieses Zwischenberichts möchte ich jede ind jeden bitten, der oder die zu Ursula Hollatz/Kölsch, zum Büro Kölsch & Kölsch sowie zum Jugendheim etwas beisteuern kann, mich gerne zu kontaktieren. Gern würde ich eine Story einer jungen Architektin schreiben, die in den 50er-Jahren selbständig erfolgreich war.

Ausriss aus Stela Historica

Geschrieben von Benedikt Hotze

16. Februar 2026 um 23:11

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