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Westmoderne bei der Reichsbahn – das Stellwerk WL in Berlin

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Jahrelang habe ich es im Vorbeifahren für einen Bau der Ostmoderne gehalten. Denn da die Betriebsrechte der Eisenbahn in ganz Berlin bis 1990 der Reichsbahn der DDR oblagen, stammten auch die Nachkriegsbauwerke der Bahn in Westberlin – wie die Empfangsgebäude der Bahnhöfe Gesundbrunnen oder Halensee (beide nach 1990 abgerissen) – üblicherweise von DDR-Architekten. Alle? Nein, das Stellwerk WL am Innsbrucker Platz von 1968-71 stammt tatsächlich von dem bekannten „U-Bahn-Architekten“ des Westberliner Senats, Rainer G. Rümmler (Quelle: Berlin und seine Bauten Teil X Band B (2) Fernverkehr, Berlin 1984). Doch heute ist dieser interessante Sichtbetonbau unbenutzt und vandalismusgeschädigt.

Aber wie kam es, dass ein Verkehrsbauwerk der DDR-Reichsbahn von einem West-Architekten geplant wurde? Hinweise gibt ein Eintrag in einem Eisenbahnerforum:

Dieses Stellwerk war zu seiner Zeit das einzige Stellwerk in Spurplantechnik östlich der Elbe. Der Senat wollte die Stadtautobahn bauen und die DDR (DR) hat sich die Zustimmung dazu mit dieser Ausstattung recht gut bezahlen lassen. Heute sagt man gut verhandelt dazu.

Mitten im Kalten Krieg also ein Werbegeschenk des Westens an die DDR, weil man den Ausbau der autogerechten Stadt dann doch wichtiger fand als die ideologische Abgrenzung zum Kommunismus. Die Westberliner Stadtautobahn der Nachkriegsjahrzehnte ist ja nur möglich gewesen, weil die Reichsbahn dafür Bahnflächen bereitgestellt hatte.

Das Stellwerk WL ist nicht denkmalgeschützt, obwohl es ein herausragendes und typisches Zeitzeugnis der Architektur um 1970 darstellt. Da das Desinteresse der Deutschen Bahn an Baukultur notorisch ist, ist ein Abriss nur eine Frage der Zeit.

Nachtrag 25. 4. 2014: Das Stellwerk wird soeben abgerissen. In der Mathematik würde man sagen: Quot erat demonstrandum – was zu beweisen war. Ich konnte einen Schnappschuss aus der S-Bahn machen.

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Geschrieben von Benedikt Hotze

28. Mai 2012 um 01:09

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