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Paul Struchholz (1936–2025) — Lehrer, Priester, Liberaler

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Das Netz funktioniert manchmal lustig: Ich hatte in einer kleinen Textskizze auf das 50. Jubiläum eines Autos — des Peugeot 504 — reagiert. Dabei erwähnte ich eher beiläufig den Namen des von mir geschätzten Lehrers und Peugeot-Fahrers Paul Struchholz. Daraufhin bekam ich Zuschriften von ehemaligen Mitschülern, die offenbar nach seinem Namen gegoogelt haben.

Anlass genug, diesen wunderbaren Menschen, pensionierten Lehrer und ehemaligen katholischen Priester mit einer winzigen biografischen Notiz zu würdigen – sofern ich das aus meiner Erinnerung an seine eigenen Hinweise überhaupt hinbekomme.

Paul Struchholz (*1936) stammt aus Allagen im Sauerland; die Sprachfärbung im Franz-Müntefering-Sound mit dem rollenden R hört man ihm auch deutlich an.

Er hat katholische Theologie studiert, unter anderem in Lyon, wo er dem Phänomen der französischen Arbeiterpriester begegnete, die in der Nachkriegszeit ihren Platz in den Betrieben sahen, um dort für soziale Gerechtigkeit zu sorgen — und dabei nicht selten zu Kommunisten wurden. Später wurde Paul Struchholz im Bistum Paderborn zunächst Gemeindepriester, unter anderem als Kaplan in Hamm-Rhynern, dem späteren Wohnort meiner Familie, und er war dort mit Jugendarbeit betraut. Dass er selbst auf dem Fußballplatz mitspielte, war damals für einen Priester ungewöhnlich.

In den 1960er Jahren wollte ihn sein Bischof dann als Religionslehrer an die Schule schicken. Geistesgegenwärtig stellte er dafür eine Bedingung, die ihm später entscheidend nützen sollte: An die Schule geht er nur, wenn er das auch studieren darf. So hat er als Priester noch ein Lehramtsstudium nachlegen können und wurde damit als Studienrat verbeamtet.

In dieser Funktion habe ich ihn als Schüler in den frühen 1980er Jahren am Gymnasium Hammonense in Hamm/Westfalen erlebt. In Abgrenzung zu den damals phänotypischen 68er-Lehrern mit ihren langen Haaren und Bärten erschien er bürgerlich mit Schlips und Kragen zum Unterricht, aber seine Inhalte in Philosophie und katholischer Religion zeugten von umfassender Bildung und Liberalität.

Durch ihn lernte ich in bewegten Pubertätsjahren die französische Existenzphilosophie kennen, wobei er kein Hehl daraus machte, das ihm Camus näher war als Sartre. Ich erfuhr von lateinamerikanischen Befreiungstheologen wie Leonardo Boff oder dem Niederländer Edward Schillebeeckx. Den von mir damals gerne gelesenen Hans Küng hielt er dagegen für einen „Journalisten“. Im Abitur bekam ich von ihm einen schwierigen existenzphilosophischen Karl-Rahner-Text zur Interpretation. 15 Punkte gab er nur, weil sein Zweitkorrektor das verlangt hatte, er gibt grundsätzlich nicht mehr als eine glatte Eins.

So liberal und weltoffen wie den Priester Paul Struchholz hätte ich mir einen Vater immer gewünscht!

Neben der Schule begegnete ich ihm in einem übergemeindlichen Jugendgottestdienst-Kreis, der Anfang/Mitte der 1980er Jahre im heute nicht mehr existierenden „Klösterchen“ an der Ostenallee in Hamm stattfand. Mit den daran beteiligten jungen Leuten machte er auch gerne Exkursionen: mit einem gesponserten VW-Bulli plus seinem Privatwagen, eben jenem Peugeot 504. Wir waren in Cluny und Lyon, aber auch in Orvieto und Rom, abends kreiste die Rotweinflasche. Italienisch konnte er neben Französisch natürlich auch. Aber er ließ sich von uns Jugendlichen „per Sie“ ansprechen.

Obwohl Führerschein-Neuling, vertraute er mir seinen Peugeot blind an. Einmal, wir fuhren gerade in der Schweiz im Waadtland auf der Autobahn, musste ich verkehrsbedingt kurz bremsen. Er erwachte, war erst irritiert, sah dann die Rebstöcke über dem Genfer See, und sagte: „Hier wächst ein wunderbarer Wein!“ Und schlief weiter.

Ihm verdanke ich den Bezug zum Kloster La Tourette (1955-59 von Le Corbusier), das ich auf einer von ihm geleiteten Schul-Exkursion schon als 17-Jähriger kennengelernt habe, und das maßgeblich für meine Wahl der Architektur als Studienfach beigetragen hat.

Wesentlich später erreichte mich dann die Nachricht, dass die Kirche Paul Struchholz vom Priesteramt suspendiert hat, weil er eine Frau geheiratet hat. Die katholische Kirche hat tragischerweise das besondere Talent, ausgerechnet ihre besten Leute systematisch rauszuschmeißen…

Abgesichert durch den Lehrerberuf, arbeitete er bis zu seiner Pensionierung an der Schule in Hamm und lebt heute in Bochum.

Ich habe diesen Text eigenmächtig hier veröffentlicht. Meine schriftliche Bitte an Paul Struchholz, den Text zu autorisieren, hat er telefonisch abgelehnt mit dem Hinweis: „Ich war immer gegen Personenkult in der Kirche, da möchte ich das auch für mich nicht haben“. Das ehrt ihn. Wie alles.

(2022)

Nachtrag 2026

Paul Struchholz ist am 12.10.2025 im Alter von 89 Jahren gestorben.

Editorische Notiz

Ich hatte meinen Text 2022 zunächst öffentlich unzugänglich gespeichert. Über ein Jahr nach seinem Tod halte ich es nun für angemessen, diese kleine biografische Skizze öffentlich zugänglich zu machen – auch weil die Reaktionen ehemaliger Schüler und Weggefährten zeigen, wie lebendig die Erinnerung an Paul Struchholz geblieben ist. Dankbar nehme ich Hinweise auf eventuelle Fehler entgegen, die ich gerne korrigiere.

Geschrieben von Benedikt Hotze

22. September 2026 um 18:31

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