Die Geschichte der modernen Architektur wird hier einmal nicht als Architektenbiografie erzählt: Ein spannendes Buch stellt den ungewöhnlichen Bauunternehmer Adolf Sommerfeld (1886-1964) vor. Er war sozial, kunstsinnig und nicht zufällig mit Walter Gropius befreundet.
Archiv für die Kategorie ‘Architektur’
Architektur in Essen 1900-1960
Essen ist das geografische Zentrum des Ruhrgebiets, des immer noch größten deutschen Ballungsraums. Dass es auch eine Hauptstadt der modernen Architektur des 20. Jahrhunderts ist, zeigt ein liebevoll gemachtes neues Buch.
Wärmedämmwahn: Vorher-Nachher-Bilder aus Hamm
Obwohl man durch außenliegenden Wärmedämmvollschutz (WDVS) nur maximal 14% an Energie sparen kann, und obwohl das Dämm-Material nach ca. 20-25 Jahren als Sondermüll entsorgt werden muss, grassiert in Deutschland der staatlich geförderte Dämmwahn. Dieser ist inzwischen zur flächendeckenden Bedrohung für das Stadtbild geworden. Anschauliche Bildbeispiele liefert ein Klinker-Wohnblock an der Richard-Wagner-Straße/Ecke Grünstraße in Hamm/Westfalen, der mutmaßlich aus den dreißiger Jahren stammt. Der linke Teil ist bereits durch WDVS optisch banalisiert, der rechte Teil wartet noch auf seine Entstellung. Besonders gelungen: die „Ecklösung“ und der dortige Umgang mit den schmalen, hochrechteckigen Fensterformaten – aus 5 mach einfach 3.
Wo bleibt Dresden in „Der Turm“?
Dem Fernseh-Zweiteiler „Der Turm“ (3. und 4. 10. 2012 in der ARD, hier und hier in der Mediathek) ist es tatsächlich gelungen, den episch breit angelegten Roman von Uwe Tellkamp auf einige spannende, Degeto-kompatible Konfliktlinien zu verdichten. Das ist durchaus als Kompliment gemeint (ich bin vor vier Jahren jedenfalls nach gut 200 Seiten Lektüre steckengeblieben, noch ohne dass sich bis dahin allzuviel „Handlung“ herauskristallisiert hatte). Eine große Schwäche der Fernsehverfilmung ist allerdings bisher kaum benannt worden: Der Schauplatz Dresden spielt (fast) nicht mit. Wo der Film versucht, wie „DDR“ auszusehen, versäumt er es, wie „Dresden“ auszusehen.
Vereint gegen Taut-Erker: Wutbürger in Zehlendorf
„Sie müssen aufpassen, dass Sie sich in Berlin nicht komplett zum Buhmann machen!“ Diese Drohung richtete gestern der Berliner CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns an den Landeskonservator Jörg Haspel. Ort: Bürgersaal des Rathauses Zehlendorf in Berlin. Anlass: Ein umstrittener Glaserker von Max Taut aus dem Jahr 1964 am Jagdschloss Glienicke. Jetzt haben auch die Wutbürger von Zehlendorf ein Thema gefunden, mit dem sie es „denen da oben“ mal so richtig zeigen können. Besonders demokratisch ging es auf deren Versammlung allerdings nicht zu.
Adenauer und die Nazi-Architektur – eine Bildbetrachtung
In der ARD-Historien-Doku „Konrad Adenauer – Stunden der Entscheidung“ (ja, der Titel ist so dräuend dämlich) sind heute gedrehte Filmaufnahmen aus Adenauers Rhöndorfer Villa zu sehen. Ein Foto veranlasst uns zu einer kleinen Bildbetrachtung zur Nazi-Architektur.
Südwestlich siedeln: Zwei Bücher über Kleinmachnow bei Berlin
Die Gemeinde Kleinmachnow, im Südwesten direkt an das Berliner Stadtgebiet angrenzend, kam nach 1990 in die Schlagzeilen: Hier gab es die meisten Rückübertragungsansprüche auf Immobilien im gesamten Gebiet der – zu diesem Zeitpunkt bereits „ehemaligen“ – DDR. Grund dafür ist die Lage und die städtebauliche Struktur dieses Vorortes. Zwei neuere, aufeinander aufbauende Bücher erzählen jetzt die Besiedlungs- und Architekturgeschichte von Kleinmachnow – spannend auch für Nicht-Kleinmachnower.
Die seltsamen Türme von Super-Cannes
Das Ortsbild von Cannes an der Côte d’Azur wird bekrönt von zwei seltsamen Türmen, für die sich heute in diesem Festival-, Kongress- und Badeort niemand mehr zu interessieren scheint. Wir sind da mal raufgefahren.
Kp. Witzhave – ein Trip zu modernen Kleinkirchen in Schleswig-Holstein
Stadtautobahn in Berlin, Höhe Tegel, es geht nach Hamburg. Montag, 16 Uhr, der Verkehr fließt zäh. Normalerweise fahre ich solche Strecken lieber mit der Bahn. Aber am Ziel möchte ich in der Fläche beweglich sein, da hilft dann ein Auto sehr. Das Ziel ist Schleswig-Holstein, und dort sind es Kapellen und Kleinkirchen aus den sechziger Jahren, die ich besuchen will. Seltsames Ziel? Sicher. Ergebnisse? Naja. Am Anfang stand eine im letzten Moment aus politischen Gründen abgesagte Journalistenreise…
Westmoderne bei der Reichsbahn – das Stellwerk WL in Berlin
Jahrelang habe ich es im Vorbeifahren für einen Bau der Ostmoderne gehalten. Denn da die Betriebsrechte der Eisenbahn in ganz Berlin bis 1990 der Reichsbahn der DDR oblagen, stammten auch die Nachkriegsbauwerke der Bahn in Westberlin – wie die Empfangsgebäude der Bahnhöfe Gesundbrunnen oder Halensee (beide nach 1990 abgerissen) – üblicherweise von DDR-Architekten. Alle? Nein, das Stellwerk WL am Innsbrucker Platz von 1968-71 stammt tatsächlich von dem bekannten „U-Bahn-Architekten“ des Westberliner Senats, Rainer G. Rümmler (Quelle: Berlin und seine Bauten Teil X Band B (2) Fernverkehr, Berlin 1984). Doch heute ist dieser interessante Sichtbetonbau unbenutzt und vandalismusgeschädigt.
Priesterweg: Ein Bahnhof im Niemandsland
Der S-Bahnhof Priesterweg in Berlin-Schöneberg ist ein wunderschöner, moderner Backsteinbau von 1928. Seltsamerweise steht das repräsentative Empfangsgebäude im städtebaulichen Niemandsland: Rundherum sind nur Kleingärten. Warum?
Hartmut Frank: Gesinnung lässt sich nicht an den Formen ablesen
Interview mit dem Hamburger Architekturtheoretiker Hartmut Frank
Draußen ein gleißend heller Wintertag, drinnen dunkel vertäfelte Wände und knarzende Dielen. Die Hafencity-Universität Hamburg verabschiedet ihren Architekturtheoretiker Hartmut Frank mit einem akademischen Symposium in der ehrwürdigen Hamburger Warburg-Bibliothek. Titel: „Die Sprachen der Steine“. Es treten auf: Jean-Louis Cohen mit Erinnerungen an eine französische Wohnbautagung in Grenoble 1973. Marco Pogacnik, der atemlos der Frage nachgeht, ob Adolf Loos überhaupt der Urheber des Loos-Hauses in Wien ist. Bruno Reichlin, der den „glühenden Faschisten“ Luigi Moretti vorstellt und dabei nicht weiter von Faschismus, sondern hauptsächlich von Musik und Barock spricht. Wolfgang Voigt, der an den Traditionalisten Paul Schmitthenner erinnert, und schließlich Hartmut Frank himself, der mit angenehmer Selbstdistanz sein akademisches Leben Revue passieren lässt. In der Nachschau fügen sich diese teils bizarren Splitter zu einem Ganzen: Wir haben hier soeben ein internationales Netzwerk von Forschern erlebt, die in den achtziger Jahren eine gemeinsame These aufbrachten. Sie ist inzwischen längst Allgemeingut und lautet etwa so: Es gibt keine faschistische Architektur. Oder allgemeiner: Die Form kann nicht die Gesinnung wiederspiegeln. Hartmut Frank erläutert das im Interview…
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Großziethen: Was ist das denn?
Ein irrwitzig spitzzackiges Sichtbeton-Element mitten in der Landschaft, etwa zwischen dem südwestlichsten Zipfel von Berlin-Rudow und Großziethen, also in der Nähe des ehemaligen Mauerstreifens rund um Westberlin. Schnell wird klar, dass es sich dabei um ein Eisenbahn-Brückenbauwerk handeln muss; ein ehemaliger Bahndamm in der Nachbarschaft ist unverkennbar. Doch warum ist das Ding so geschmückt wie eine expressionistische Gartentorte?
Nachtrag 2/2023: Vielen Dank an die freundlichen Hinweisgeber in der Kommentarspalte. Inzwischen habe ich zum Güteraußenring (GAR) recherchiert und das Ergebnis hier aufgeschrieben – und fotografisch dokumentiert.
Ein Sonntag in Kleinmachnow (2010)
„Was machst du gerade?“ fragen mich die Web-2.0-Communities – und erwarten, dass ich ihnen meinen Tagesablauf auf den Server lege. Ich mache das nicht so gerne. Vielmehr teile ich das Unbehagen, das Jens Arne Männig neulich so treffend mit „Social-Media-Müdigkeit“ beschrieben hatte. Und wenn ich meinen lieben Mitmenschen nun doch mitteilen möchte, was ich gerade mache? Dann tu ich das einfach hier. Heute ist von einem sonnigen Sonntagsausflug nach Kleinmachnow und Potsdam zu berichten, und es gibt ein paar Architektur-Bilder.
Panoramafreiheit – eine Anmerkung zu Google Street View
Dieses Haus des polnischen Avantgarde-Architekten Karol Schayer, erbaut 1936, habe ich am 15. August 2009 in Kattowitz fotografiert (siehe dazu die BauNetzWoche#144 „Kattowitz – Das Zentrum der polnischen Moderne“). Als ich mit meinem Fotoapparat unübersehbar vor dem Haus stand, kam eine gut gekleidete Bewohnerin in feindseliger Haltung auf mich zu und beschimpfte mich. Erst als sie in meiner Antwort das Wort „Architektur“ verstand, wurde sie schlagartig freundlich und ließ mich gewähren. Die Bewohnerin hatte also offenbar etwas dagegen, dass irgendein Hergelaufener ihr Haus fotografiert. Erst, als der Fotograf ihr einen plausiblen Grund für sein Tun nennen konnte, war sie beruhigt. Wir vermuten, dass diese Bewohnerin auch ihr Haus bei Google Street View verpixeln lässt – sofern sie in Polen die selben Einspruchs-Möglichkeiten genießt, die Google (gönnerhaft? notgedrungen?) deutschen Hausbewohnern einräumt.
Theo, wir fahrn nach Wudsch!
Wussten Sie, dass der Ortsname Łódź auf Polnisch wie „Wudsch“ ausgesprochen wird? Eine Journalistenreise führte uns jetzt zu dem preisgekrönten Umbau einer Industrieruine in ein Vier-Sterne-Hotel – und in Polens drittgrößte Stadt, die einst als das „Manchester des Ostens“ galt.
Abbau Ost: Berghotel Falkenhorst im Erzgebirge
Zu berichten ist hier von einer Restitutionsimmobilie im Osten Deutschlands, bei der man alles richtig gemacht hat und die dennoch nach gerade mal vier Jahren Betrieb wieder aufgegeben werden musste.

Ende Dezember 2009. Wir fahren noch einmal an einen Ort, den wir in den letzten Jahren liebgewonnen haben. Auf den ersten Blick ist hier auch noch alles wie gewohnt: An den verschneiten Weggabelungen des – mit seinen düsteren Häusern unter dunklen Tannen immer etwas unheimlich wirkenden – Erzgebirgsdorfes Waldidylle finden sich nach wie vor die farbig gestalteten Hinweisschilder auf das „Berghotel Falkenhorst„. Spätexpressionistische Gemälde Dresdener Künstler aus den dreißiger Jahren zieren seit der Wiedereröffnung 2004 das Corporate Design dieses kleinen, feinen Hotels.
Die Auffahrt ist von Schnee geräumt, im Schaukasten hängt noch die Speisekarte. Allein: Die Vorhänge der Gaststube sind zugezogen, und das Hotel ist geschlossen. Für immer, sagen die Hamburger Eigentümer.
Rückblick: Im Herbst 2004 suchten wir eigentlich nur eine Unterkunft in einer halbwegs schneesicheren Region. Zum Rodeln. Über eine Internet-Recherche stießen wir auf ein soeben neu eröffnetes Hotel im Erzgebirge, das einen guten Eindruck machte: Sympathische Homepage, faire Preise – und ein verbindlicher, freundlicher Umgangston ohne Marketingfloskeln in der darauf folgenden Kommunikation. Vor allem aber: ein architektonisch interessanter Ort.
So wurden wir mit unserem ersten Aufenthalt Ende Dezember 2004 zu den ersten Stammgästen des Berghotels Falkenhorst in Waldidylle, einem Ortsteil von Altenberg im Erzgebirge. Knapp 40 Straßenkilometer hinter und 600 Höhenmeter über Dresden. Und tatsächlich schneesicher, jedenfalls bei allen unseren Besuchen.
Wir trafen ein markantes Haus an der höchsten Stelle des Ortes an, Baujahr 1938, architektonisch erkennbar seiner Entstehungszeit verpflichtet: Naturstein-Sockelgeschoss, Holzverkleidung in den Obergeschossen, spitzes Satteldach, im Inneren Kreissegmentbögen. Aber eben auch: eine helle, freundliche, schnörkellos-moderne Inneneinrichtung und Möblierung. Zwei „Damen von der Architekturfakultät der TU Dresden“, heißt es seitens des Betreibers, hätten den jüngsten Umbau geplant und die Inneneinrichtung betreut.
Das privatwirtschaftlich errichtete Hotel ist nach seiner Erbauung schnell zum Künstlertreffpunkt geworden. Zu DDR-Zeiten wurde es dann verstaatlicht und diente als Ferienheim. Nach der „Wende“ verfiel es. An die Hamburger Erben des Erbauers schließlich rücküberstattet, fühlten diese sich dem Ort verpflichtet und steckten viel Liebe (und Geld) in das Erbe. Nicht zuletzt schufen sie Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region. Gastronomisch wurde hier der richtige Kurs gewählt: die Küche ambitioniert, aber nicht überkandidelt, und das (über Jahre kaum fluktuierende) Personal von einer Herzlichkeit, die man nicht auf einer Hotelfachschule lernen kann.
Zwischen 2004 und 2008 waren wir hier fünf Mal „zwischen den Jahren“ für einige Tage zu Gast; es waren stets alle Zimmer ausgebucht und alle Tische in der Gaststube besetzt. Dass wir damit zu Zeugen einer saisonalen Auslastungsspitze geworden sind, war uns allerdings nicht klar. So kam das Anschreiben der Hamburger Eigentümer an alle Stammgäste Anfang 2009 völlig überraschend:
Trotz vieler positiver Rückmeldungen unserer Gäste haben wir es in fast 4 Jahren nicht geschafft, das Haus kostendeckend zu bewirtschaften. Der Hauptgrund liegt in der niedrigen Auslastung während der Woche. Schweren Herzens haben wir uns entschlossen, den Betrieb zum 22. Februar 2009 einzustellen.
Für den Falkenhorst wird jetzt nach einem anderen sinnvollen Nutzungskonzept gesucht. Über Anregungen und Vorschläge würden wir uns sehr freuen.
Eine Hotelnutzung, so die Eigentümer weiter, schlössen sie allerdings kategorisch aus. Doch irgend ein guter Geist in Waldidylle scheint die Hoffnung darauf nicht aufzugeben und hält das Haus in Schuss. Nirgends ist auch nur eine Spur von Vandalismus zu sehen. Man müsste einfach nur die Tür wieder aufschließen und weitermachen, erträumt sich der Gast. Er weiß: Dieser Wunsch wird unerfüllt bleiben.
Aber: Was wird denn nun aus dem Haus?
[Fotos: Benedikt Hotze, Dezember 2008]
Flieger, grüß mir die Sonne
Die Fliegersiedlung von Erwin Gutkind in Berlin-Staaken (1923/24)
Sie gehören zu den ältesten Häusern der „klassischen Moderne“ in Berlin: Die 21 Doppelhäuser der so genannten „Fliegersiedlung“ an der äußersten westlichen Grenze des Berliner Stadtgebiets in West-Staaken. Beidseitig der Heerstraße gelegen, fallen diese kubischen Doppelhäuser jedem auf, der über die stark befahrene B 5 von Westen nach Berlin kommt.
















